FSK für Kinderliteratur?

Hach ja, die armen Kinder werden heutzutage schon so früh Gewalt und Brutalität in den Medien ausgesetzt, kein Wunder, dass die zarten Kinderseelen verrohen… 

Um es vorwegzunehmen: ich bin natürlich NICHT dafür, dass man Kindern alles zeigen darf und sollte.  Die freiwillige Selbstkontrolle der Medienindustrie hat durchaus ihren Sinn, auch wenn man manche Altersfreigaben/ -beschränkungen nicht unbedingt nachvollziehen kann (und in den USA wird es dann komplett verrückt, wenn ein Film wegen dezent zu sehenden Nippeln oder einem heißen Kuss für die Jugend gesperrt ist, die aber andererseits wüstes Abschlachten jederzeit gerne sehen dürfen).

Gottseidank scheint es jedoch so zu sein, dass auch Kinder, die „Ungeeignetem“, „nicht Altersgemäßem“ ausgesetzt waren in gewissem Maße in der Lage sind, sich selbst seelisch zu schützen (was, wie gesagt, keine Ausrede dafür ist, sie mit solchen Inhalten zuzumüllen!)

Zum Vergleich einige Inhalte aus „Kinder“büchern einer Zeit, in der die Kindheit als behüteter Schonraum hoch im Kurs stand:

Im „Struwwelpeter“ (geschrieben von einem Kinderarzt (!)) werden Konrad, dem Daumenlutscher, diese zur Strafe rigoros abgeschnitten – schön illustriert!

 

5709361422884655056.png

In „Max und Moritz“ von Wilhelm Busch (zugegebenermaßen kein reines Kinderbuch) werden die zwei Lausbuben erst im Backofen gebacken, dann durch die Mühle gedreht und ihre Überreste an die Gänse verfüttert. Horror pur!

5709362465479500320.jpg

Märchen waren ja eigentlich nie als Kindergeschichten gedacht, sondern für die Abende in den Spinnstuben – aber wo Frauen waren, da waren auch ihre Kinder, die zum Beispiel begierig den „Sieben Schwänen“ lauschten, die die Gebrüder Grimm notierten:

7 Jahre muss die Schwester schweigen, um ihre Brüder zu erlösen. In dieser Zeit wird sie Königin, gebiert 3 Kinder, die Ihr die böse Schwiegermutter aber sofort nach der Geburt abnimmt und tötet. Da sie sich wegen des Schweigegelübdes nicht verteidigen kann, wird sie als Kindsmörderin zum Tode verurteilt und erst im letzten Moment gerettet – nachdem sie den Schwanen-Brüdern Hemden übergeworfen hatte, die sie aus Brennesseln gewirkt hatte. Für mich persönlich eines der brutalsten Märchen – aber auch in den bekannteren geht es nicht zimperlich zur Sache: den Stiefschwestern von Aschenputtel wird die Ferse abgehackt („Blut ist im Schuh“), der Prinz von Rapunzel wird geblendet und irrt blind durch die Wüste, um nur 2 zu nennen.

5709363535778122974.jpg

 Auch in den englischen nursery rhymes ging es ganz schön zur Sache:

 Goosey, goosey, gander,

Whither dost thou wander?
Upstairs and downstairs
And in my lady’s chamber.

There I met an old man
Who wouldn’t say his prayers;
I took him by the left leg,
And threw him down the stairs.

5709365757207015838.jpg

… so gehört sich das, wenn man seine Gebete nicht spricht: Treppensturz!

Bei alldem sollte man meinen, dass diese Welt lauter seelisch total verkrüppelte, verängstigte Kinder -> Erwachsene erzeugt hat… Traumata gab es sicher, genau wie heute auch, wenn ein Horrorfilm überfordert, aber meistens gingen die Kinder doch heil aus der Sache hervor – was zu Hoffnung Anlass gibt.

Meine persönlche Meinung, was wann wie zumutbar ist:

1. es hat keinen Zweck, Kinder vor der „schädlichen Medienwelt“ bewahren zu wollen –  irgendwann werden sie damit als Teil heutigen Alltags konfrontiert  und MÜSSEN sich damit auseinandersetzen. Dafür sollten sie „medienkompetent“ gemacht werden, einschätzen können, was ihnen begegnet (Fiktion oder Realität? Wie gemacht? Wie gemeint?) – also Medien schon einmal begegnet sein.

2. FSK-Angaben sind Richtlinien „Pi mal Daumen“. Jedes Kind ist anders. Während sich das eine zu Tode ängstigt, hat ein anderes im gleichen Alter schon mehr Reife oder auch Medienerfahrung und kann das Gesehene anders einschätzen / beurteilen.

3. Zu Beginn einer „Medienkarriere“ (und später immer wieder) sollten Eltern ein Auge darauf haben, was ihre Kinder konsumieren, wie sie darauf reagieren und mit den Kindern über das Gesehene reden. Wenn man sich nicht sicher ist, ob die FSK-Angabe zutrifft/für das eigene Kind passt, den Film gemeinsam mit dem Kind ansehen.

4. „Kanal wechseln“/“Kino verlassen“… ist nicht unbedingt richtig, wenn eine Sequenz zu erschrecken scheint. Zu sehen, dass am Ende alles gut ausgeht, bringt ein ruhigeres Gemüt (und ruhigere Nächte) als sich wochenlang zu fragen, wie es nach dem „Schock“ denn weiterging.

5. Oft ist es so, dass Kinder sich vor ganz anderen Dingen erschrecken oder gruseln, dass sie andere Dinge beschäftigen, als man vorher tippen würde – und was man selbst für erschreckend hielt, ist kein Problem…

6. Kinder wollen bestimmte Filme, die sie sehr beschäftigen, immer und immer wieder sehen – bis sie verarbeitet sind.

Wenn ich hier von „Kindern“ rede, meine ich die Altersgruppe 5+ bis in die Pubertät; vorher braucht man meiner Meinung nach auf keinen Bildschirm zu starren (auch wenns für die ELTERN oft angenehm ist mit dieser Sorte „Babysitter“ ).

Ist halt wie überall im Leben: alles mit Maß und Fingerspitzengefühl betreiben – und nicht mit der „Keule“ rundumschlagen wie Heinrich Hoffmann, Autor des Struwwelpeters…

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s