Malaysia

… hat mich in einem Vortrag tief beeindruckt:

> ein hochentwickeltes, florierendes Industrieland 

> die Einwohner ein buntes Gemisch aus malaiischen, chinesischen, südasiatischen und indigenen Bevölkerungsgruppen

 

… und wir machen uns ’n Kopp um unsere verschiedenen, ebenfalls europäischenEinwanderer…

> Demzufolge herrscht im Land auch eine einzigartige „multireligiöse“ Situation:

Staatsreligion ist der Islam, zu dem sich 60% der Bevölkerung bekennen, 19% sind buddistisch, 6% hinduistisch, 9% christlich, 2,6% sind Anhänger chinesischer Religionen.

 

 schau mal an, es gibt auch nicht-totalitäre, liberale muslimische Staaten… Islam bedeutet also nicht automatisch Unterdrückung und Chaos, wie wir es grade als Klischee aus der arabischen Welt erleben…

> Staatsform ist eine konstitutionelle Monarchie unter muslimischer Führung. Im Land gärt es – in Demonstrationen 2011 wurden eine demokratischere Regierungspolitik als bisher, eine Wahlreform und mehr Pressefreiheit gefordert.

und es KANN demonstriert und Meinung geäußert werden, ohne dass das gleich in Staatskrisen und „Mundtotmachen“ ausartet? – so schlecht klingt das für mich nicht, es ist etwas auf dem Weg…

> ein „beispielhaft“ behandelter Konflikt in diesem multiethnischen Land war z.B. zwischen 2007 und 2011 der  „Allah“-Konflikt. Ausgangspunkt: christliche Bevölkerungsteile forderten das Recht, die Gottesbezeichnung „Allah“ verwenden zu dürfen. (Hintergrund: in Bahasa Malaysia, der Staatssprache, ist die Bezeichnung für „Gott“ allgemein  Allah – zu wem oder was hätte man denn sonst beten sollen?)

…das sollte man vielleicht den hiesigen christlichen Gruppierungen mal nahebringen, denen die Begrifflichkeit „Allah“ Unbehagen bereitet: So anders kann die Sichtweise sein!

Ergebnis: die größte islamische Partei Malaysias erklärte, dass der Islam für Glaubensfreiheit stehe und die Gottesbezeichnung Allah auch von anderen monotheistischen Religionen verwendet werden dürfe.

… Das lasst euch auf der Zunge zergehen: auch SO kann Islam sein!

Wären Christen umgekehrt genau so liberal?

Weiter gehts mit dem Zerlegen der arabisch geprägten Klischees von „islamisch begründeter“ Ungleichbehandlung der Geschlechter (die Saudis gehen hier mit denkbar schlechtem Beispiel voran):

> im diesem (islamischen) Staat Malaysia verfügen verhältnismäßig viele Frauen über hohe Bildungsabschlüsse, 40% aller Erwerbstätigen sind weiblich (ca. genau so viel wie in Deutschland) und wirken auch an der Gestaltung des politischen Lebens (bis in die oberen Chargen) mit. Speziell hervorzuheben ist die muslimische Frauenrechtorganisation „sisters in Islam“, die sich für geschlechtergerechte Auslegung des Islam und für den Schutz von Frauenrechten einsetzt.

… und wie ist das mit der Geschlechtergerechtigkeit in unserer (von der Vergangenheit her) christlich geprägten Kultur? Leute, tragt mal die Nasen nicht so hoch, die Zeiten einer Alice Schwarzer sind noch nicht so lange her und dauern immer noch an… Noch meine Mutter brauchte in den 70ern die Einverständniserklärung ihres Mannes, um arbeiten gehen zu dürfen. Ähnliche „Schwarzer“-Power beweisen kluge und gebildete, einflussreiche „Kopftuchdamen“ in Malaysia heute. 

Eine Integrationsdebatte in eine Richtung wie in Deutschland mit Angst vor kultureller Überfremdung KANN es in Malaysia unter diesem Hintergrund überhaupt nicht geben (siehe Bevölkerungsvielfalt). Vielmehr kann dieser Staat nur funktionieren durch die gegenseitige Toleranz und Annahme aller Verschiedenheiten, die als gegenseitige Bereicherung begriffen werden.

Ach ja: berührt hat mich unter anderem ein Bild von Mädchen in ihren Schuluniformen: gleicher Rock, gleicher Schnitt, gleiche Bluse – bis auf ein „Schuluniformskopftuch“ für Muslima, die lachend gemeinsam mit ihren nicht-bekopftuchten christlichen Mitschülerinnen heimgingen – und die buddhistischen Mädels nähen sich ihren Rock auch gerne mal etwas kürzer(wurde gesagt), was dann auch ok, halt Geschmackssache, ist. 

 

Bestimmt ist in Malaysia auch nicht alles „Gold“: es gibt noch unterdrückte indigene Bevölkerungsgruppen, die Demokratie ist erst „auf dem Weg“, Neueinwanderer müssen im Niedriglohnsektor“strampeln“, bevor sie Fuß fassen können…, aber insgesamt war in meinem Kopf nach diesem Vortrag vor allem ein

„Na also, geht doch“ (fern von jedem perfektionistischem Anspruch) –politischer Wahnsinn und das daraus resultierende Chaos geht eben NICHT von einer Religion aus (egal welcher), auch wenn es oft so scheint, weil die Weltreligionen immer wieder dafür missbraucht werden/wurden. Im Moment ist es ein scheinheiliges Verständnis von Islam, das da in der arabischen Welt vorgeschoben und benutzt wird, um völlig unreligiöse Machtgier zu befriedigen. Ebenso scheinheilig aber wird bei uns eine „christlich-abendländische Kultur“ angeführt, die es zu retten gilt, die aber in Wahrheit nichts mit gelebtem Christentum zu tun hat, sondern mit kapitalistischer Leistungsgesellschaft. Die Feinde des friedlichen Zusammenlebens sind (wie Malaysia zeigt) nicht die verschiedenen Kulturen und Religionen, sondern mangelnde soziale Gerechtigkeit und Bildung – AUCH religiöser Bildung: „wer nichts weiß, muss alles glauben“… So wie man keinen aufgeklärten und gebildeten Christen heutzutage zu einem Kreuzzug bewegen könnte (der religiös gesehen Schwachsinn ist), so wenig lassen sich die Muslima in Malaysia „kleinmachen“ – weil sie ihre Rechte kennen.

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