Darf ein Lehrer unsicher sein?

Antwort auf http://schulesocialmedia.com/2014/03/22/unsicherheit-im-lehrberuf/

Wenn meine Töchter und mein Sohn während ihrer Schulzeit über Lehrer klagten, dann gab es regelmäßig ganz bestimmte Vertreter dieser Spezies, die ihnen übel aufstießen: 

– schlecht vorbereitete bzw. fachlich inkompetente Lehrer (besonders im Gymnasialbereich, wo die Inhalte anspruchsvoller werden und die Schüler in einem Alter sind, wo man Inkompetenz eher wahrnehmen kann)

– arrogante Besserwisser, die sich von niemandem – und schon gar nicht von Schülern! – in Frage stellen ließen (frühestes Erlebnis bei meiner Tochter in der Grundschule (!), die im Gegensatz zu ihrer Erstklasslehrerin Wiesenstorchschnabel kannte und auf der Wiese benannte, dafür belacht wurde, was das Kind doch für eine putzige Phantasie hätte)

– Lehrer, die zwar fachlich kompetent waren, sich in einer Klasse aber nicht „durchsetzen“ konnten „jeder machte, was er wollte“

Wie viel Unsicherheit (im Hinblick auf den letzten Typus) verträgt also der Lehrberuf? Wie viel „Mensch“ darf ein Lehrer (hier der Einfachheit halber als Neutrum – also Männlein wie Weiblein gemeint) sein?

Nun haben meine Kinder ausgerechnet auch noch eine Lehrerin zur Mutter, die sich angesichts dieser Faktenlage – sowie angesichts der sich regelmäßig bei ihr im Unterricht einfindenen unsicheren Referendare – so ihre Gedanken machte…

 

SELBSTVERSTÄNDLICH komme ich als Lehrer nach bestem Wissen und Gewissen vorbereitet in den Unterricht. Das spüren auch die Schüler.  Das heißt aber nicht, dass ich alles wissen oder können muss. Im Verlauf einer Stunde ergeben sich oft Fragen, die sich nicht so einfach beantworten lassen. MEIN Geheimnis: „Sicher“ unsicher sein. So antworte ich SICHER auf Schülerfragen „Das weiß ich jetzt auch nicht (…werde mich aber kundig machen bis morgen /…lass es uns doch einmal gemeinsam nachschauen, erforschen, ausprobieren…./ …ein Spezialist dafür wäre XY… )“
Ich lobe Schüler, die auf Fragestellungen zum Thema kommen, die ich auch noch nicht bedacht hatte (Das ist eine interessante/komplexe Frage, bei der es sich lohnt, sich einmal näher damit zu befassen – lasst uns das gemeinsam tun!). Der große Vorteil: Morgen sieht man sich ja wieder und kann anknüpfen! Sie wissen auch um meinen prinzipiellen Wissens- und Könnensvorsprung, aber deshalb muss ich doch nicht „allmächtig“ sein.
Dabei lernen die Schüler von mir so wichtige Kompetenzen wie: zu einer Lücke stehen (was nicht dazu berechtigt, schlecht vorbereitet zu sein – das gilt für mich wie auch für Schülerreferate / -präsentationen!); gemeinsame Problemlösungsstrategien dafür finden; das Bewusstsein, dass sich nicht alle Fragestellungen im Handumdrehen klären lassen und man sich Zeit dafür nehmen kann / darf, um Antworten oder Lösungen zu finden. Das ist viel wertvoller, als den „großen Guru“ zu spielen, der keinerlei Schwächen zeigt!
Ebenso MUSS ich nicht der Allrounder im Lösen von Konflikten werden. „Im Moment bin ich da ratlos – lass uns das vertagen, wir reden morgen noch einmal in Ruhe darüber“ „Lasst uns gemeinsam eine Lösung finden“ sind Sätze, die man durchaus von mir hört. Dadurch habe ich noch nie Achtung oder Respekt verloren, im Gegenteil, die Schüler fühlten sich in ihren Anliegen ernstgenommen. Tatsächlich ist „Drüberschlafen“ oft ein Mittel, das zu einer Lösung führt – manchmal auch gemeinsam mit einem Gespräch mit Kollegen (oder ein Selbstgepräch beim Spülen…). Ebenso SICHER kann ich auch zu meinen Fehlern stehen – jeder Mensch macht welche! Ich bin mir nicht zu schade, mich bei Schülern zu entschuldigen, weil ich eine Lage falsch eingeschätzt hatte (Wer hat bei wem abgeschrieben? Wer war der ursprüngliche Provokateur in einem Konflikt? usw.). Niemals wurde mir dies als Schwäche ausgelegt – stattdessen herrscht in meiner Klasse in Klima, wo auch die Schüler gegenseitig sich beieinander entschuldigen können – ganz selbstverständlich.

 

Fachliche und menschliche Unsicherheit sind also durchaus Faktoren, die Unterricht / Wissen / Können und die vielfältigen Beziehungen innerhalb einer Klasse voranbringen können.

Eine einzige Sache jedoch wird von Schülern nicht verziehen, und das ist Inkonsequenz / Unklarheit / Unsicherheit im Handeln. Ich möchte dies als als „strukturelle Unsicherheit“ bezeichnen. Wenn ein Ziel(inhaltlich), ein Weg(didaktisch – hier sind wir wieder bei zuverlässiger Vorbereitung angelangt!), eine Regel festliegt, dann sollte man so lange dieser klaren Linie folgen, bis man gemeinsam (oder als Lehrer alleine, aber begründet und klar angesagt) eine Neujustierung vornimmt. Beliebigkeit im Umgang miteinander und mit dem Thema führt zu Chaos. Interessanterweise nehmen Schüler Zurechtweisungen überhaupt nicht übel, wohl aber das FEHLEN einer begründeten Zurechtweisung. Sinnloses (also unbegründetes) „Schleifen“ und „Dressieren“ wird genau so beklagt wie Stunden, in denen es drunter und drüber ging und „man überhaupt nichts lernen konnte“.

Welcher Lehrer hat noch nie Fehler gemacht oder Wissens- bzw. Könnenslücken gezeigt? Meist wirkt das doch auf Schüler heftig befriedigend im Sinne von „Siehste, der ist auch nur ein Mensch“ – und für sich selbst ist da Humor, über sich selbst lachen können, eine gute Hilfe.

Advertisements

4 Gedanken zu „Darf ein Lehrer unsicher sein?

  1. Michael Veeser-Dombrowski

    Stimme zu.
    Und: Wenn die Verwicklung und Verwirrung einmal ganz groß wird, hilft mir meistens eine pädagogische Fallbesprechungsgruppe, eine Supervision oder ein Coaching.
    Weiterhin viel Freude an einem wunderbaren Beruf!

    Antwort
  2. frauhilde

    Danke, das hast du wunderbar geschildert; ich hab mich immer wieder erkannt.
    Gilt es während des Refs noch als peinlich, wenn man eine Schülerfrage nicht beantworten kann, merkt man irgendwann, dass man einfach nicht alles wissen KANN, dass Schüler aber alles, wirklich alles fragen, auch Sachen, mit denen man nicht gerechnet hat („Haben die damals eigentlich Katzen in den Pyramiden lebendig begraben?“).
    Ich finde es inzwischen nicht mehr schlimm, dann zu sagen, dass das eine sehr gute, aber eben auch sehr spezielle Frage ist, die ich nicht ad hoc beantworten kann. Je nach Situation biete ich an, selbst nachzuschauen, oder bitte Schüler, das selbst zu recherchieren.
    Allerdings muss ich gestehen, dass auch ich manchmal die „Wisst ihr nicht? Na, dann schaut das mal alle daheim nach!“-Nummer bringe.

    Sich entschuldigen zu können, wenn man einen Fehler gemacht hat, halte ich auch für extrem wichtig. Wir jammern so gern über das Verhalten von Schülern, tragen aber selbst durch falsche Verhaltensweisen auch mit dazu bei.

    Antwort
  3. kolibrikind

    Hallo Errol,
    einen schönen Blog hast du da!
    Ich finde, dass die beste Eigenschaft eines Lehrers/Dozenten ist, auch mal sagen zu können, dass man etwas nicht weiß. Sowohl in der Schule als auch im Studium finde ich es viel schlimmer, wenn dann erstmal rumgedruckst wird und irgendein Halbwissen die Antwort ist. Dann doch lieber ehrlich sagen, dass man dazu nicht viel beitragen kann und es sinnvoller ist, das jemand anders zu fragen oder selbst zu recherchieren. So gibt man den Schülern/Studenten ja auch die Möglichkeit, bei Interesse wirklich die richtige Antwort auf die Frage herauszufinden.
    Die „strukturelle Unsicherheit“ wie du gesagt hast ist allerdings wirklich schwierig, grade bei jungen Lehrern habe ich das viel gesehen, was ja auch logisch ist weil die wenigsten Menschen vollkommen souverän geboren werden (Ich denke mal – keiner!), aber gestört hat es mich dennoch. Im Nachhinein betrachtet denke ich aber auch, dass wir als Schüler damit viel erwachsener hätten umgehen können, zumindest in der Oberstufe müsste das eigentlich gehen. Aber das lernt man vielleicht auch erst später.

    Die Sicht einer Schülerin dazu 😉
    Liebe Grüße

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s