Amok

Er ist ein „Eigengewächs“ unserer Schule – so bezeichnet mein Ex-Chef gerne die Schüler, die schon in Klasse 1 bei uns eingeschult wurden und dann in irgendeiner Weise hier unterwegs waren bis in die höheren Klassen.

Sogar seine Mutter war schon Schülerin bei uns gewesen und hatte auch einen ganz ordentlichen Abschluss gemacht. Danach aber hatte sie einen Mann aus ihrem Heimatland geheiratet, der nur sehr wenig Deutsch sprach – so kam es, dass er, der Sohn mit einem sehr geringen Wortschatz und auch sonst defizitären Sprachfertigkeiten mit 6 bei uns eingeschult wurde. Solche Kinder erhalten bei uns zusätzlich individuelle Förderung – ab Klasse 3 wurde jedoch überdeutlich (was sich bisher schlecht einschätzen ließ), dass seine unterdurchschnittlichen Leistungen nicht nur auf sein immer noch schlechtes Deutsch zurückzuführen waren. Er konnte abstrakte Sachverhalte nur schwer erfassen, auch das Erkennen von Zusammenhängen zwischen Dingen fiel ihm nicht leicht. Mit viel Fleiß erreichte er Noten, die seine Klassenkameraden mit links (offline1.gif!) aus dem Ärmel schüttelten. In dieser Zeit war er in der Sonderförderung einer Kooperation mit einer Schule für Lernbehinderte. Er bekam in Einzelbetreuung zusätzliche Hilfen. Die Klassenlehrerin in Klasse 4 versuchte die Mutter in Gesprächen davon zu überzeugen, dass er mit einem Wechsel an die nebenan liegende Förderschule besser aufgehoben wäre: dort wird der gleiche Lernstoff wie bei uns besonders aufbereitet in Klassengrößen von 7 – 9 Schülern vermittelt. Nicht selten passiert es, dass solche Schüler in der 8. oder 9. Klasse zu uns zurückkommen, weil sie nun selbständig genug im Lernen sind, um in einer Klasse mit 26 Schülern den Hauptschulabschluss zu machen und eine Lehrstelle zu bekommen (wir haben an meiner Schule ein besonderes berufliches Förderkonzept).

Die Mutter ging auf diese Vorschläge nicht ein. Sonderschule? So ein Stigma für ihr Kind wäre für sie unerträglich, undenkbar gewesen. Also durfte Sohnemann nach Klasse 4 eine Ehrenrunde drehen. Auch die „neue“ Klassenlehrerin konnte die Mutter nicht von der Idee überzeugen, dass ihr Sohn eigentlich an der falschen Schule sei. Das Konzept der integrativen Förderung (stundenweise Betreuung duch Förderschullehrer) hat allerdings seine Grenzen – so mancher benötigt halt doch etwas MEHR Hilfe…

In der Folge zog die Familie in einen Nachbarort, wo der Junge zur Hauptschule ging. Ein Jahr – dann ging die Familie „zurück“ in das Heimatland des Vaters (und der Mutter, das aber nie ihr eigenes gewesen war, war sie doch in Deutschland geboren und aufgewachsen…) Binnen 2er Jahre war die Familie ruiniert, beide Eltern arbeitslos, ihre Existenzgrundlagen aufgebraucht. Die Frau trennte sich vom Vater des Jungen, kam zurück nach Deutschland und fing von vorne an. In einer zweiten Hauptschule, weiterer Nachbarort, versuchte der Junge erneut sein Glück in der 7ten Klasse – und blieb sitzen. In dieser „Not“ kam die Mutter an ihre alte, also meine Schule, wo ihr Kind ja schon ab der ersten Klasse so gut betreut worden war…: eine Schulbezirksänderung wäre für ihr Kind dringend nötig, die Hauptschule im Nachbarort wäre grob ausländerfeindlich und ihr Kind völlig inadäquat behandelt… und meine Schule hätte ja so ein gutes Förderkonzept…

Mein Chef gab nach. Nun kam der Junge also wieder an die Schule, in der er schon seit der ersten Klasse gewesen war – mit ihm sein kleiner Bruder, in die gleiche Klasse, denn der Bruder war niemals sitzengeblieben.

Da saß er nun, mittlerweile fast 16, in der 7ten Klasse, ein Mann unter 13-14jährigen Kindern, die vor seiner Nase alles besser, schneller und erfolgreicher machten, inclusive sein jüngerer Bruder. Ein halbes Jahr bemühte er sich noch, so gut es ging – bis sich sein Vater aus der „Heimat“ meldete: alles, alles würde er dem Sohn schenken, wenn der zurück zu ihm käme: einen laptop, einen Hund, ein gechilltes Leben… Die Mutter hatte mittlerweile einen neuen Partner, der die Söhne durchaus ernst nahm und versuchte, sie zu erziehen und zu fordern. Da traf nun also der leibliche Vater, der das Blaue vom Himmel herunter versprach, auf einen „Stief“vater, der auch auf die unbequemen Seiten des Lebens hinwies und Leistung einforderte.

Ich wunderte mich indes, wie renitent, unlustig und „null-Bock-mäßig“  der Junge im zweiten Halbjahr plötzlich geworden war. Mit den Leistungen des ersten Halbjahrs wäre die 8te Klasse wohl denkbar gewesen, aber jetzt… Nach vielfachem Schulschwänzen, Respektlosigkeiten und Unverschämtheiten gegenüber Fachlehrern, einem Schulausschluss kam es zum Gespräch mit dem Schulsozialarbeiter und die ganzen Hintergründe der Verhaltensänderung wurden auf den Tisch gebracht. Ich selbst,  die ich  wie meine Kollegen vor Jahren der Meinung war, dass der Hauptschulabschluss spätestens jetzt wieder auf wackeligen Beinen stand, versuchte darauf hinzuwirken, dass der Junge in eine Sonderberufsschule wechseln sollte, um Berufsfähigkeit zu erlangen. Die Mutter lehnte ab („Sonderschule ruiniert sein Leben!“). Der Schulsozialarbeiter schloss indessen nach Gesprächen mit der Familie die Sinnhaftigkeit einer Rückkehr zum leiblichen Vater ins Heimatland aus: der Vater war immer noch mittellos und hätte dem Jungen NICHTS zu bieten gehabt – ungeachtet aller Versprechungen. Das Sorgerecht lag bei der Mutter. Ein Erziehungsbeistand vom Jugendamt sollte Abhilfe schaffen, mit dem Jungen eine Lebensperspektive / Ziele erarbeiten und ihn beim Erreichen dieser Ziele unterstützen. Die Mutter lehnte ab, aus Angst, das „Heft aus der Hand genommen zu bekommen“. Die schuleigene Berufsseinstiegsbegleiterin bot sich an, den Jungen zu unterstützen beim Erreichen des Hauptschulabschlusses. Die Mutter lehnte ab – bei Einwilligung hätte sie Daten für die Agentur für Arbeit freigeben müssen.

Ganz knapp schlitterte der Junge in Klasse 8 – es ist unglaublich schwer, im derzeitigen System Hauptschule sitzenzubleiben. Er ist weiterhin aggressiv gegen Fachlehrer. Er schwänzt. Er ist bocklos und resigniert. Am schlimmsten aber ist es, ihm zuzusehen, wenn er sich zusammenreißt und sich fruchtlos Mühe gibt. Ich fühle mich zusehends in der Lage eines Lehrers, der, gezwungen vom System, versuchen muss einem Fisch das Fahrradfahren beizubringen. Der Fisch leidet. Ich auch. Die Mutter, die das Sorgerecht hat, entscheidet, dass es so sein soll.

Gestern ging es um Referatsthemen in diesem Schuljahr. Ja, es gäbe ein Thema, das ihm besonders am Herzen liegt und interessiert – so sagt er das allerdings nicht, so komplizierte Phrasen kennt er nicht, bei ihm hört sich das so an: „Frau M. – ähm. Kann ich, ähm, Dingens, auch Amokläufe machen?“

Advertisements

4 Gedanken zu „Amok

  1. frauhilde

    Oh, Mann. Da kommen einem fast die Tränen.
    Man möchte die Eltern (die ja oft genug auch hilflos sind bzw. ihr Leben selbst nicht strukturiert bekommen) manchmal einfach am Nacken packen, schütteln und sie fragen, ob sie eigentlich noch irgendwas merken …

    Antwort
  2. Corinna

    Was für eine erschütternde Geschichte! Wie kann die Frau nur so dumm sein und ihrem Kind das ganze Leben verbauen! Und wieso sieht sie das nicht? Es tut mir unendlich leid für den Jungen und auch für alle Lehrer.

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s