Von voll grausamen Lehrern oder: Chantal, heul leiser!

Kurz nachdem ich die Siebte neu übernommen habe, gibt es an der Schule eine Diebstahlswelle. Das ist ärgerlich, aber wenn ein Tatbestand dieser Ordnung auf Lina-Marie trifft, wird eine Lebenskrise daraus. „Mein Füller ist auch geklaut!“ kommt sie mit Tränen in den Augen und Panik in der Stimme. Nun ist Lina-Marie nicht gerade für ihren Ordnungssinn berühmt. „Jetzt schnauf mal durch, beruhig dich und schau erst mal nach…“ „Hab ich!“ „Unter der Bank? Vielleicht ist er heruntergefallen?“ „Ach nee, da hab ich nicht geguckt“. Aber da war er auch nicht. An Unterricht ist nicht zu denken, denn die Tränen kullern und der Rest der Klasse ist genervt. Was tun? Suchen hilft gerade nicht, eigentlich steht Mathe auf dem Plan und Lina-Marie nutzt die Gruppe als Podium.

Letzte Lösung: „Jetzt gehst du einfach mal raus vor die Tür, bis du dich beruhigt hast, kommst dann leise wieder rein und machst Mathe mit, mit Bleistift, danach kümmern wir uns drum – in der Pause“.

„Frau miez, darf ich auch mit vor die Tür?“ *stöhn* Das musste ja unweigerlich kommen. 2 Schuljahre lang, in Klasse 5 und 6, hatte Lina-Marie mit ihrem Verhalten ein dankbares Publikum, das besonders dann tröstend zur Verfügung stand, wenn man sich dadurch vor etwas drücken konnte. Die Anlässe dafür waren vielfältig und nicht immer nachvollziehbar: „Vor 5 Jahren ist mein Hase gestorben, und eben hab ich wieder dran denken müssen“ „Ich liebe doch den Dominik so, und hab ihm schon 10 Zettel geschrieben, aber er hat gesagt, das ist peinlich und ich soll ihn einfach in Ruhe lassen“…  Nun ist es der Füller. Daher: „Nein, ich bin sicher, sie schafft das auch alleine!“ „Schade…“

Kaum draußen, erheben sich Stimmen: „Dass die auch immer gleich heulen muss! Das hat sie in Klasse 5 und 6 auch immer gemacht!“ Weiß ich, bin aber nicht gewillt, das nun das ganze Schuljahr lang mitzumachen: „Jetzt ist Mathe, und keine Lina-Marie-Stunde! Ich sag euch was: Ihr ignoriert das ab sofort! Wenn sie weint, schick ich sie raus, und wenn sie sich wieder gefasst hat, kläre ICH die Geschichte mit ihr sachlich. IHR werdet sie ab sofort nicht mehr darauf ansprechen.“ Die Klasse ist einverstanden, denn soviel Profit in punkto Zeitschinden die allgemeine Trösterei bringt – es ist doch jedesmal ungeheuer nervig.

Wenig später kommt eine noch leicht schniefende Lina-Marie hereingeschlichen und schreibt – mit Füller..27.gif

Nach der Stunde kommt sie kleinlaut zu mir und teilt mir mit, dass er sich in ihrer Jackentasche gefunden hätte… Wir klären die „vor-die-Tür-Abmachung“, und ab sofort passiert etwas Bemerkenswertes: Die Heulattacken werden seltener. Lina-Marie bekommt keine Beachtung mehr dafür, weder vom Lehrer noch von der Klasse. Sie stellt fest, das sich 80% ihrer „Katastrophen“ von alleine lösen, wenn sie sich erst einmal beruhigt. Der Rest ist mit Lehrer klärbar. Dadurch nimmt ihre Beliebtheit in der Klasse zu. Auf einmal hat sie  doppelt so viele Freundinnen wie vorher und plant einen gaaaanz großen 13ten Geburtstag.

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2 Gedanken zu „Von voll grausamen Lehrern oder: Chantal, heul leiser!

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