Von geschlagenen Jugendlichen

Vorweg: dieser post soll keinerlei Rechtfertigung von irgendwelchen körperlichen Strafen sein. Gut, dass wir über diese Erziehungssünde mittlerweile offen reden können, sie als solche benennen und nicht mehr als nötig und legal sehen. Gut, dass es in Deutschland im Gegensatz zu 19 US Staaten nicht mehr gesellschaftlich ok ist, irgendwen körperlich zu züchtigen.

Mit „geschlagenen“ Kindern ist das jedoch so ne Sache.

Historisches

Ich kenne geschlagene Kinder aus der Generation meiner Eltern, wo die meisten noch den Hosenboden versohlt / „Backpfeifen“ / „Tatzen“ (in der Schule) bekamen.

Manche davon sind deswegen verbittert, andere traumatisiert, andere wiederum finden das bis heute gar nicht tragisch und hegten bis zum Ende ein äußerst liebevolles Verhältnis zu ihren (schlagenden) Eltern. Warum?

Ein Onkel von mir beschrieb seine Gefühle von damals folgendermaßen: „Es war für mich körperlich nicht schlimm, geschlagen zu werden. Was mich extrem und viel tiefer geschmerzt hat war, dass mein Vater niemals meine Seite der Dinge anhören wollte. Es reichte, wenn Lehrer, andere Eltern, wer auch immer, der etwas darstellte in der Meinung meines Vaters, mich wegen irgend etwas anklagte oder er mich verdächtigte, irgendwas getan zu haben – schon kam die Konsequenz. Diese Illoyalität zu mir als Sohn, das Buckeln vor Autoritäten oder ganz einfach vor der Gesellschaft und ihren Geflogenheiten nahm ich ihm bis zu seinem Tod übel. Er hat mich einfach nicht GESEHEN. Eine heile Fassade nach außen war für ihn das Aund O und wichtiger als die Beziehung zu mir.“

Meine Tante (aus einem anderen Familenzweig): „Ich war ein absolut begeistertes und überzeugtes BDM-Mädel. Ende des 2. Weltkrieges war ich 15, ein Alter, in dem man für jeden Mist am leichtesten beeinflussbar ist. Als die Amis in unser Dorf einrückten, versteckte sich die ganze Familie aus Angst vor Übergriffen im Keller. Nur ich wusste, wo noch eine Handgranate war und saß im Gebüsch mit der heroischen und blödsinnigen Absicht, persönlich doch noch für den Endsieg zu sorgen. Krank vor Angst, suchte mich mein Vater, fand mich rechtzeitig und expedierte mich mit Gewalt in den Keller. Dort bezog ich die Prügel meines Lebens, die mich zum ersten Mal über meine Gesinnung nachdenken ließen.  In den Prügeln spürte ich die Angst, die mein Vater wegen mir ausgestanden hatte, und seine Erleichterung. Mein Vater war ein toller Mann.“

Das ist im übrigen die Generation des Papstes, der da so unversehens ins peinliche Fettnäpfchen tappte – keine Rechtfertigung, nur Erklärung, was ihn anfocht. Schläge waren üblich, wesentlich aber das Drumherum.

Das Gemeinsame der beiden Geschichten: im Vorfeld der beiden Bestrafungen (wobei das sich bei meinem Onkel ja über seine ganze Jugend hinzog) gab es Probleme in der Eltern-Kind Kommunikation. Im ersten Fall wurde diese verweigert, im zweiten war das Missverständnis Folge eines tragischen Verschweigens dessen, was man eigentlich über die politische Lage dachte.

Der Unterschied zwischen beiden: Meine Tante wusste sich geliebt. Sie konnte die Motivation ihres Vaters nachvollziehen. Auf dieser Basis konnte sie ihm das Geschehene verzeihen. Mit 15 (!) geschlagen zu werden, muss extrem demütigend gewesen sein – aber sofort danach folgte ein laaaanges Gespräch, und das Geschehene landete in gemeinsamem Konsens unter dem Familienanekdoten, Abteilung „das ist ja noch mal gut gegangen“.

Mein Vater war die „Zwischengeneration“ aus dem Nachkriegsdeutschland, wo das Schlagen als Erziehungsmethode so langsam out wurde. Als Lehrer hatte er die Rousseauschen Ideale verinnerlicht und hat meine Schwester und mich gewaltfrei erzogen – damals noch nicht sooo üblich, sondern total modern und iwie hippiemäßig. Sein Mittel zur Wahl, wenn meine Mutter nicht mehr mit uns klar kam: Wir wurden zur „Aussprache“ ins Arbeitszimmer zitiert – Durchaus keine angenehme Sache, wenn man so mit dem Blödsinn konfrontiert wird, der einen als Pubertierende immer wieder anficht, ihn erklären und begründen muss – Diskurs! Diskussion! Aber sachlich! Und bis zum Konsens!… Ab und zu habe ich einige meiner Freunde beneidet, die sich mit ihren Eltern schreiend in die Haare gerieten, irgendwann eine gescheuert bekamen, woraufhin dann die tränenreiche Versöhnung folgte und die Sache vom Tisch war. DAS war Aggressionsabfuhr auf beiden Seiten – bei uns musste immer alles sachlich ausdiskutiert werden. Aber hey, wir wurden immer und unbedingt ernst genommen und das rechne ich ihm noch heute an!

Das Absurde war, dass im Beruf am Anfang von meinem Vater noch erwartet wurde, dass er schlägt. So in Elterngesprächen: „Wie, mein Sohn spurt nicht? Dann schallern sie ihm doch einfach eine, bei mir nützt das immer sofort“. Selten, ab und zu, tat ers (alles andere wäre als Schwäche und mangelndes Durchsetzungsvermögen ausgelegt worden). Er erzählte es dann klagend und schlechtgelaunt am Mittagstisch und haderte über die uneinsichtigen Eltern. Dann wurde das Schlagen in der Schule zu seiner großen Erleichterung verboten, worauf er bei Forderungen der Eltern stets gerne hinwies!

Nun bin ich selbst Lehrerin, und ja, es gibt ab und an immer noch Eltern, die solche Sprüche bringen – allerdings wird das nur noch sehr selten aufs Tapet gebracht, denn inzwischen hat es sich herumgesprochen, dass Schlagen nicht ok ist. Trotzdem erlebe ich immer noch viele (!ja!) schlagende Eltern und geschlagene Kinder: die Kinder, ihre Freunde und Klassenkameraden gehen da ganz offen damit um („Boah, wenn ich mit der Note nach Hause komme…“).

Wie reagieren wir als Schule?

Logisch, dass alle Kollegen angewiesen sind, auf Misshandlungen hellhörig zu sein. Auch achten besonders die Sportlehrer, die auch Schwimmen geben, auf „komische“ blaue Flecke oder Ähnliches. Ansonsten schauen wir uns das Eltern-Kind Verhältnis sehr genau an. Satz unseres Sozialarbeiters: „Hast du gesehen, wie Mutter und Tochter sich beim Gespräch auf das Sofa gesetzt haben? Und dann haben sie sich die ganze Zeit kein einziges Mal angesehen… “ Wenn in Lehrer – Eltern – Schüler-Gesprächen ALLE zu Wort kommen, die Eltern auch offen mit dem Kind reden UND UMGEKEHRT (das provoziere ich gerne mal), wenn ein Gespräch mit einem offensichtlich oft praktizierten strahlenden High-Five zwischen Vater und Sohn endet, dann messe ich ehrlich gesagt keine Bedeutung bei, dass da dem Anschein nach auch mal eine Backpfeife fällt. Auch das Jugendamt würde auf einen solchen Hinweis müde abwinken.

Themen wie „mit dem Gürtel…“ schauen wir uns genauer an. Die Jungen und Mädels wissen, dass sie über die Schulsozialarbeit Hilfe bekommen. Trotzdem ist es erstaunlich, dass die Jugendlichen mehrheitlich an ihrer maroden Familie bis zum bitteren Ende festhalten, obwohl sie aus ihrer unguten Umgebung heraus könnten, beispielsweise in eine Wohngruppe – sie müssten einfach nur dem Jugendamt ihr „go“ geben, was wir ihnen auch deutlich genug anbieten. Zum Teil nehmen auch die Eltern Hilfe an, die das Schlagen gar nicht so toll finden, aber immer wieder in Erzieungssackgassen geraten. Das kann geschehen z.B. in Form eines Erziehungsbeistandes.

Eine kleine Minderheit marschiert allerdings auch ohne Zuhilfenahme der Schule selbst zum Jugendamt, frei nach dem Motto: „Hier stehe ich, mein Vater/meine Mutter ist ein Arsch – tut was!“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s