Notiz im Hirn, immer wieder mal zu erneuern

Ach Frau M., jetzt müssen wir das schon zum zweiten Mal durchmachen, und ich hatte so gehofft, dass es bei Johanna anders sein würde!“ sagt die Mutter im Elterngespräch, was mich stutzen lässt. Zum zweiten Mal?

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Johanna, 14, ist sehr schmal und still, unauffällig im Unterricht bis hin zu Ängstlichkeit. Sie hat ein halbes Jahr gebraucht, um sich einmal selbst zu melden im Unterrichtsgespräch. Aufgerufen, beginnen ihre Sätze meist mit: „Also, ich bin mir nicht sicher, aber…“

Andererseits ist sie durchaus angesehen bei den anderen, kann tolle Hip-Hop moves und stylt sich immer mit großem Bedacht. Attraktivität ist ihr sehr wichtig.

Außer ein bißchen mehr Mut und „aktive Teilnahme am Unterricht“ bleibt für die Lehrer der Klasse an ihr nichts zu wünschen übrig. Hätte man doch nur mehr so angenehm ruhige Schüler!

Da ist aber noch etwas anderes: das Schullandheim hat sie am ersten Abend verlassen müssen, gegen ihren eigenen Willen – sie hatte sich doch so gefreut und schon große Zimmerparty- und Stylingpläne mit den anderen Mädchen gemacht! Morgens waren wir gut gelaunt gefahren, in der Jugendherberge eingezogen und hatten die Umgebung erkundet. Tagsüber wurde „wild“ gevespert. Als das Abendessen nahte, war Johanna übel, ihr war zittrig zumute. Es stellte sich heraus, dass sie schon seit dem Vorabend, also seit 24 Stunden, vor Aufregung nichts gegessen hatte. Ihr Kreislauf war im Eimer, ihr Puls raste. Wir hatten am nächsten Tag eine große Wanderung geplant, die ohne entsprechende energetische „Unterlage“ nicht zu schaffen war. Was sollten wir machen, wenn uns Johanna im Wald zusammenklappte? Wir wollten sie etwas essen sehen.

Die Tränen liefen ihr über die Wangen, während sie bei Tisch mit Gewalt ein halbes Stück Brot im wahrsten Sinne des Wortes herunterwürgte – wenig später kamen die anderen Mädchen mit der Nachricht, dass sie „auf dem Klo gespuckt“ hätte…

Wir ließen sie zum Bedauern aller (auch zu unserem) von den Eltern abholen, die nur die Augen verdrehten mit einem „Schon wieder – wir hatten so gehofft, dass es diesmal anders sein würde…“

Ähnliche Probleme ergaben sich beim Betriebspraktikum, das Johanna nach zwei Tagen abbrach wegen Angstzuständen, Kreislaufproblemen, Zittern… – am Betrieb lag es nicht, die Erwachsenen waren alle sehr nett zu ihr gewesen, hatten ihr vieles gezeigt, erklärt und machen lassen…

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Nun also das Elterngespräch. Wieso zum zweiten Mal? „Frau M. Sie kennen doch noch Johannas großen Bruder Timmy?“ Stimmt, das hatte ich ganz vergessen. Er war nie in meiner Klasse, aber im Fachunterricht habe ich ihn gehabt, 5 Jahre vorher – ein Schüler, den man leicht vergisst, unauffällig und „graue Maus“, genau so schmal und still wie seine Schwester.

Die Mutter erzählt, wie vom damaligen Klasssenlehrer in der 9ten dem Jungen heftig abgeraten wurde, den Realschulabschluss zu machen, den würde er doch nicht schaffen, er solle nach der 9ten abgehen. Dem zum Trotz zog Timmy die 10te mit Erfolg durch – dass er danach nur noch 45 kg wog, das merkte an der Schule keiner. In der darauffolgenden Lehre brach er nach 3 Monaten zusammen und musste erst einmal für ein Vierteljahr in eine Klinik zur Behandlung seiner Versagensängste. Und nun Johanna…

Ich habe lange überlegt, ob ich das bloggen soll, da ein großer Teil dieser Geschichte in vertraulichen Gesprächen offenbar wurde. Ich habe mich dann dafür entschieden (und hoffe, allzu Enthüllendes gut genug verfremdet zu haben), da mir wieder einmal Lehrerwichtiges dadurch ins Bewusstsein gerufen wurde:

Viel zu oft richtet sich unser Augenmerk ganz automatisch auf die Schüler, die nach Aufmerksamkeit schreien, sich in den Vordergrund drängen, auf den Putz hauen, den Unterricht stören. Von ganz alleine werden wir in diese Bahn gelenkt, denn wollen wir ein geregeltes Unterrichtsgeschehen gewährleisten in einem angenehmen sozialen Klima, MÜSSEN wir das tun. Die Nöte dieser „lauten“ Jugendlichen kommen automatisch auf den Tisch. Mit ihren Eltern bleibt man ständig im Gespräch, es „geschieht“ etwas. Ein Kollege von mir meinte einmal zynisch: „Eigentlich kann man Jugendlichen mit sozialen / persönlichen Problemen nur dazu raten, straffällig zu werden – schon kümmert sich eine Vielzahl professioneller Helfer ums sie: Jugendamt, Gerichtshilfe, Psychologen, Resozialisierungspädagogen… Denen, die „mauern“ und versuchen, so unauffällig wie möglich zu bleiben, hilft keiner.“ Auch ich war bei Timmy froh, einen „unkomplizierten“ Schüler zu haben. Der Schulsozialarbeiter konnte sich, von mir darauf angesprochen, noch nicht einmal an sein Gesicht erinnern – logisch, denn er war ja nie „auffällig“ geworden. Dennoch hätte den Lehrern der 10ten das ein oder andere auffallen können – wenn ihr Augenmerk nicht auf vielen tausend anderen Dingen gelegen hätte, liegen hätte müssen.

Johannas und Timmys Eltern haben aufgrund des Vorlaufs Kontakt zu einem Therapeuten und werden sich an ihn wenden. Sie haben bereits bei Timmy vieles dazugelernt im Umgang mit ihren Kindern. Sie sind liebevolle Eltern und haben nichts falsch gemacht – Erziehung ist immer learning by doing, da jeder Mensch einzigartig ist und anders auf die gleichen Situationen reagiert als andere. Johanna und Timmy sind da dünnhäutiger als die meisten – es wäre zu wünschen, dass unsere Gesellschaft auch Menschen annehmen kann, die nicht komplett „abgefuckt“ gegenüber den Zumutungen des Lebens sind. Dann werden die zwei wohl auch ihren Weg machen.

Ach ja, die Notiz: Frau M., schau mal wieder nach deinen „Stillen“!

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3 Gedanken zu „Notiz im Hirn, immer wieder mal zu erneuern

  1. Hamburg loves YOU!

    Das kann ich als selber „Stille“ nur bestätigen – die Lehrer haben Augen und Ohren nur für die lauten Leute, die Unsinn anstellen. Wie oft habe ich mich dann als Teenager gefragt, würde es einer überhaupt merken, wenn ich morgen weg bin… Also wirklich guter Vorsetz, wieder mal nach den „Stillen“ zu schauen, ein ernst gemeintes „Wie geht’s dir?“ oder auch einfach „Hallo _Name_:)“ ist auch besser als nichts 🙂

    Antwort
  2. Die Streberin

    Grade erst draufgestoßen und da muss ich doch gleich mal meinen Senf ablassen 🙂

    Auf jeden Fall lobenswert auf diese Schüler zu achten.
    Ich selbst als „Stille Schülerin“ wurde selbst beim Notenabfall von 1 auf 4 in fast allen Fächern „übersehen“.
    Dann habe ich eine wunderbar schräge, auffallend tattoowiert und gepiercte Lehrerin gekriegt, der bald auffiel, dass mit der unauffälligen Schülerin was nicht stimmte 😀
    Wir Stillen sind so dankbar, wenn irgendjemand uns die Hand reicht und uns die Möglichkeit gibt zu erzählen, was los ist, wenn wir selbst nicht den Mut finden. Es hilft 🙂

    Liebe Grüße,
    Die Streberin

    Antwort

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