Grundkurs „Umgang mit Rassismus“ (aus der Not geboren)

gestern nachmittag, im Geschchtsunterricht.

Schüler: „Das Problem fängt doch nicht erst bei den Flüchtlingen an. Schauen Sie sich doch mal um, Deutschland ist total überschwemmt mit Ausländern!“

Das erzeugt natürlich erstmal heftig emotionale Reaktionen aller in alle erdenklichen Richtungen. Meine Klasse ist offen (s.o.) und streitbar, zwei gute Eigenschaften, aber an diesem Nachmittag kurz vor Unterrichtsende ist Hopfen und Malz verloren…

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Daheim lässt mich der Gedanke nicht los. Hatten nicht auch 3 (im übrigen türkische) Schüler in ihrem Aufsatz geschrieben „Wir können unsere deutsche Kultur nicht mehr richtig leben“? Ich muss die Sache anders anpacken.

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Heute teilte ich in einer völlig anderen Situation Zettel aus für „ein Gedankenspiel zwischendurch“.

„Notiert mal für euch:

1. Stellt euch vor, einer eurer Lieblingsstars würde sich entschließen, in unsere Stadt zu ziehen. Welcher sollte das sein?

2. Ihr könnt ein Date haben mit einem Promi. Welchen wählt ihr?

3. Ihr seid Kind eines Promis. Wen würdet ihr als Vater oder Mutter wollen?

4. Und zum Schluss: Welches sind die 2 Mtschüler(innen), die euch am sympathischsten sind? (Keine Sorge, das bleibt bei euch wir machen da keinen Wettbewerb oder so draus)

Ok. Was hat ihr bei 1-3 notiert? iblali, Megan Fox, Obama, Ronaldinho… Achtzig Prozent haben international gewählt. Auf einmal ist es gar nicht mehr so wichtig, deutsch zu sein…

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Ich zitiere den Satz des kleinen Rassisten von gestern. Schweigen.

„Merkt ihr was? Wen wollt ihr denn da in Deutschland haben? Alle haben ausländische Stars gewählt, auch du. Die meisten können sich vorstellen, Ausländer in ihrer Stadt zu haben, ja sogar nichtdeutsche Eltern zu haben, wenn sie nur berühmt und cool sind.

Jetzt schaut euch mal für euch selbst an, wen ihr als sympathischste Mitschüler benannt habt. In ALLEN Fällen habt ihr nicht auf die Nationalität geachtet, sondern auf andere Dinge, vor allem aber danach, wie sie euch behandeln und „wahrnehmen“.

Einige von euch haben im Aufsatz die Angst geäußert, dass sie „sie deutsche Kultur nicht mehr leben können“. Was ist denn das, was ist euch wichtig hier? Wonach sollltet ihr die Menschen beurteilen? Doch nicht nach Nationalität! DAS sind die Dinge, die dafür sorgen, ob es euch hier gut geht oder nicht:

1. Erfahrt ihr von einem Menschen Wertschätzung, respektiert er euch und alle anderen? Hält  er alle Menschen für gleich viel wert, oder sind einige für ihn weniger wert, weil sie ausländisch, weiblich, schwul, behindert, schwarz… sind? Urteilt er über ganze MenschenGRUPPEN, für die er vorher Schubladen geschaffen hat und predigt Hass gegen sie? Vor diesen Menschen nehmt euch in Acht, EGAL welcher Nationalität sie sind – auch der deutschen.

*hier wird mein Rassist ein bißchen rot*

2. Bringt sich ein Mensch in eine Gemeinschaft ein? Ist er willens, etwas zu tun: sich zu bilden, zu arbeiten oder sich für andere ehrenamtlich zu engagieren? Gestern war Schülersprecherwahl. Nun haben wir zwei Schülersprecher für die ganze Schule, eine Albanerin und eine Deutsche. Habt ihr die deutsche wegen ihrer Nationalität gewählt? Nein, sondern weil sie schon früher Ideen für coole events hatte und zusammen mit der Albanerin schafft wie eine Irre. Dass die beiden Muslimin und Christin sind, juckt dabei keinen.

(ihr könnt es erraten: Mini-Rassist hat den zweiten Praktikumsplatz verbaselt auf Grund von Trägheit und mangelnden Manieren bei der Vorstellung in den Betrieben. Nicht aufgrund der Tatsache, dass „die Ausländer ihm die Chance genommen haben“.)

3. Ist ähnlich wie zweitens: Nutzt euch ein Mensch aus oder unterstützt er euch? Wer Hilfe benötigt, ist übrigens keiner, der automatisch andere ausnutzt. Ihr kennt es in der Klasse selbst: Jeder kann mal in die Situation kommen Hilfe zu benötigen, daher hilft man auch gerne. Auf einem anderen Blatt stehen die, die NIE etwas selbst mitbringen, sondern sich das ganze Schuljahr bei anderen durchschnorren. Wohl fühlt ihr euch mit Menschen, die Hilfen annehmen wenn nötig und Hilfe leisten, wenn möglich. Die Flüchtlinge benötigen im Moment mehr Hilfe, als sie Leistung anzubieten haben. Ihr wisst aber auch von unserem Flüchtlingswohnheim, wie dankbar sie den Deutschunterricht annehmen, wie sie den Gemeinschaftsraum hergerichtet haben, wie sie einen wechselnden Väter-Busdienst für die Kinder eingerichtet haben und und und.

An diesem Punkt war es heute morgen SEHR ruhig in der Klasse. Nur der Minirassist maulte „aber Megan Fox IST doch deutschstämmig…“.

Das Flüchtlingsproblem ist dadurch natürlich nicht gelöst. Nicht alle Flüchtlinge sind automatisch gute Menschen. Das Verhältnis aber wird jedoch sein wie in jeder Klasse, jeder Gemeinschaft, jedem Staatsgebilde. Und deutsch zu sein macht nicht automatisch zu einem besseren Menschen.

Unser Problem sind nicht Ausländer, nicht Flüchtlinge, nicht Deutsche. Sondern Menschen mit „einfachen Lösungen“, die Angst schüren, Hass predigen und Gewalt begrüßen.

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Ein Gedanke zu „Grundkurs „Umgang mit Rassismus“ (aus der Not geboren)

  1. tinatainmentia

    Toll!

    Aber bei „An diesem Punkt war es heute morgen SEHR ruhig in der Klasse. Nur der Minirassist maulte “aber Megan Fox IST doch deutschstämmig…”.“ musste ich schlucken. Da hat einer echt so gar nichts kapiert…

    Antwort

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