multikulti Notizen

Anlass: Heute durfte meine Jüngste mal wieder den Hund (großes Boxergetier) ihrer ABFL hüten. Was ziemlich witzig ist, weil, wie sie meint: „Der Hund kann doch nur türkisch!“ Und während ihr mittlerweile alle gängigen Befehle auf türkisch schon geläufig sind (sitz, Platz, komm, warte, Pfötchen, aus…), hadert sie denn doch damit, dem Hund keine komplizierteren Geschichten von ihr erzählen zu können, weil, wie gesagt, der schaut sie dann immer so verständnislos an… 4.gif

Die Familie der Freundin ist ziemlich traditionell muslimisch. Was zwischendurch die Lage für die Freundinnen etwas verkompliziert hat, da der Vater im kritischen Pubertier-Alter unserer Töchter keine Besuche der ABFL mehr in unserem Haus erlaubt hat, Begründung: zu viele Jungs! Vermutetes totales Lotterleben meiner Tochter! Leider kann meine Jüngste nichts dafür, dass sie auch noch einen großen Bruder hat…

Aber auch das überstand die Freundschaft. Nun ist die ABFL schon einem jungen Mann „versprochen“, eigentlich einer respektablen Partie, bei es dann aber doch Zeit brauchte, damit der Vater das Ganze akzeptierte: der Freund war zwar, wie es sich gehört, Muslim, und dazu noch Araber (yeah – Muttersprachler, was Koran betrifft!) aber, oh Schreck: Alevit. Seine Familie feierte ohne mit der Wimper zu zucken Weihnachten als „Bonusfest“ neben den muslimischen Festen (schließlich war Jesus ein geachteter Prophet) und ist insgesamt sehr viel liberaler eingestellt als die ABFL Familie. Beispiel: Die ABFL wurde von ihrer Schwiegermutter in spe zum Mittagessen eingeladen, OHNE dass diese vorher Rücksprache mit den ABFL-Eltern genommen hatte! Drama! Skandal! Die ABFL Familie empörte sich über das „unsittliche“ Angebot, die Freundfamilie war beleidigt: „Was glauben die, dass wir mit der Tochter vorhaben? Wofür halten die uns?“ So mussten sich die beiden Familien doch trotz ähnlichem kulturellem Hintergrund (von uns aus gesehen) erst einmal gründlich zusammenraufen. Was klappte.

So konservativ der Vater der ABFL ist, so ist er doch nicht unsympathisch und ringt auf diese Weise beständig um seine kulturelle Identität in dieser unserer Gesellschaft. Was richtig und falsch ist, lässt er im Zweifelsfall sein Herz entscheiden. Beispiel: Zu meiner großen Überraschung ging die ganze türkische Familie zum feierlichen Beerdigungsgottesdienst einer alten Frau aus unserem Dorf. Die Kirche war vorher für die Familie ein „Tabu“-Gebäude gewesen, in das die ABFL mit meiner Tochter einmal heimlich im Grundschulalter schlich („boah, ist das gruselig!“), nicht zum Gottesdienst, versteht sich, sondern um einfach mal zu schauen, wie das innen aussieht. Und jetzt? Katholische Beerdigungsfeierlichkeiten mit der ganzen Familie? Das erweckte meine Neugier und ich sprach ihn an.

Der Hintergrund war folgender: Vor Jahren, als der älteste Bruder der ABFL noch ein Säugling war, konnte die Mutter der türkischen Familie a) noch ganz wenig Deutsch – was sich mittlerweile geändert hat und war b) noch etwas desorientiert in der deutschen Gesellschaft sowie ohne Führerschein – auch das ist jetzt anders. Die alte Dame, deren Beerdigung die Familie 20 Jahre später besuchte, hatte eines Tages beobachtet, dass die junge türkische Nachbarin den ganzen Tag immer wieder nervös aus dem Fenster schaute und dabei auch weinte. Kurzerhand marschierte sie zum Nachbarhaus und fragte, ob sie helfen könne. Die junge Mutter zeigte ihr daraufhin ihr hochfiebriges Baby, das in der Zwischenzeit wohl (laut Pantomime der Mutter) auch schon die Besinnung verloren hatte. Pantomimisch wurde außerdem erklärt, dass der Mann auf Arbeit sei, erst abends käme und sie ja nicht anrufen könne, so ohne Deutsch… Sofort mobilisierte die Dorfdame ihren Sohn, der Mutter und Baby ins Auto packte und mit beiden ins Krankenhaus fuhr.

„Egal, ob Christ oder Muslim, sie ist eine Heilige, mein Sohn verdankt ihr sein Leben!“ erklärte mir der Vater bei der Beerdigung. „Und bei uns ist es üblich, dann auch die Ehre zu erweisen!“

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3 Gedanken zu „multikulti Notizen

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