Und auf einmal ist nichts mehr selbstverständlich…

Der Flüchtlingsjunge hatte sich im Übergangswohnheim verletzt. Eigentlich banal,Fuß vertreten, vielleicht auf dem Eis ausgerutscht… Jedenfalls kam er morgens schon hinkend in der Schule an. Als der Vormittag verstrich, wurde sein Knöchel immer dicker und schließlich konnte er überhaupt nicht mehr ohne Schmerzen auftreten. Das Kind musste zum Arzt!

Was bei anderen Schülern ein einfacher Vorgang ist (Eltern anrufen, Lage schildern, abholen lassen), war hier ungleich komplizierter. Merke: nicht alle Flüchtlinge haben ein Handy – und selbst wenn er eines gehabt hätten, wäre Verständigung nicht möglich gewesen ohne viel Möglichkeiten zum Zeigen und zur Pantomime…

Der Schulsozialarbeiter war gerade auf einer anderen „Baustelle“. Der hauptamtlich Zuständige im Flüchtlingsheim war nur zeitweise dort erreichbar, nun gerade nicht, ätsch. Schließlich gelang es, einen ehrenamtlichen ProAsyl Mitarbeiter anzurufen. Der wollte die Eltern im Heim abholen und zum Arzt bringen, wir sollten von der Schule aus den Jungen dorthin schaffen. Nächste Hürde: welcher Arzt war überhaupt zuständig? Klar, Unfallarzt, aber wie geht man korrekt vor bei einem Menschen ohne gängige Krankenversicherung? Die Fahrt im Privatauto war sowieso auch illegal – juristisch korrekterweise hätte man bei Ausfall des Erziehungsberechtigten-transports einen Krankentransport kommen lassen müssen -aber: Was für ein Aufwand! Was für Kosten! Wie bescheuert für einen 11jährigen, der kein Deutsch kann, mutterseelenallein in einem Krankenwagen irgendwohin verfrachtet zu werden! Also yolo, deshalb wird wohl nicht gleich eine Suspendierung stattfinden, und auf gehts. Beim Arzt sind die Eltern noch nicht eingetroffen und von den Sprechstundenhilfen gibt es allgemeines Versicherungsproblematikgemaule. Gott sei Dank ist die kundige ProAsylerin ja schon unterwegs, erscheint schließlich mit den Eltern und der korrekte Ablauf kann erfolgen: Fax ans Landratsamt, dieses bestätigt die Kostenübernahme im Falle einer Behandlung und schließlich kann der Junge doch noch versorgt werden. Amen.

Nachtrag: Hätte es sich nicht um ein schulpflichtiges Kind gehandelt, das zunächst deshalb von seinen Eltern nicht zum Arzt gebracht wurde, weil die keinen Plan hatten, wie das in Deutschland geht und was das kostet, wäre wohl unter Umständen gar keine Behandlung erfolgt…

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3 Gedanken zu „Und auf einmal ist nichts mehr selbstverständlich…

  1. Stacia Stachelbeere

    Das sind doch Berichte, die Frau Merkel und Herr Altmaier zu lesen bekommen sollten – damit sie verstehen, welchen verwaltungstechnischen Hürden man im Alltag entgegen steht, und sie dafür sorgen, dass diese abgebaut werden…..

    Antwort

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