Abschied mit Wehmut

Liebe 9er,

immer wieder habt ihr mich in den vergangenen Jahren, besonders in der 7ten und 8ten, gefragt „Wie sind wir? Wie denken die Lehrer über unsere Klasse?“ Meistens kam dann hinterhergeschoben ein „Wir sind eine schreckliche Klasse, stimmts?“  Besonders wichtig war euch euer Image immer dann, wenn es darum ging, die Erlaubnis für etwas Besonderes zu bekommen: für das Schullandheim, eine Klassenübernachtung oder einen Ausflug – wohl wissend, dass solche Extras verdient sein wollen und nicht selbstverständlich sind.

Und – wie geht es deiner Dramaklasse?“ fragte mich eine Kollegin eines Tages im Lehrerzimmer. Dramaklasse – das trifft den Nagel auf den Kopf, dachte ich. Keinen Tag gab es, an dem es mit euch langweilig wurde. Grauer Alltag – das kam bei euch nicht vor. Jeder Tag barg sein eigenes kleines Drama, zum Guten oder zum Schlechten. Das Besondere dieser Theaterform? Eine Komödie ist es nicht, und so war es mit euch auch nicht immer lustig. Aber genau so wenig ist es eine Tragödie, ein Trauerspiel mit schlechtem Ausgang. Ein Drama bleibt immer spannend, und man weiß nie, wie es ausgehen wird.

Schrecklich“ – so haben euch die Lehrer kaum genannt. Wie bei einem Drama bekam ich jeden Tag unterschiedliche Rückmeldungen. Ihr seid laut, so hieß es bei den einen. Andere lobten euch als kommunikativ und gesprächsfreudig. Ihr könnt nicht stillhalten, so klagten die einen. Die anderen meinten, ihr wärt engagiert und tüchtig, immer dabei, wenn es darum geht, mit anzupacken. Ihr kriegt den Mund nicht zu, beschwerten sich die einen – die anderen lobten euer Interesse an den Dingen und eure Neugier. Ihr seid schwer dazu zu bringen, alleine zu arbeiten, meinten die einen – die anderen freuten sich über euren Zusammenhalt und eure unkomplizierte Gemeinschaft. Die einen fanden euch frech, die anderen offen und ehrlich. All das wart ihr, aber vor allem, bei allem, bis zuletzt, immer wieder eines: nicht zu überhören.

Über 2 Jahre lang habt ihr euch im Berufsvorbereitungsunterricht mit euren Stärken und Schwächen beschäftigt und euch überlegt: Was kann ich? Was liegt mir? Wo gehöre ich beruflich hin? Meine Meinung dazu: Es gibt – nach allem, was ich bisher gesagt habe – keine Stärken und Schwächen, sondern zunächst einmal nur Eigenschaften, eure persönlichen, ureigenen Merkmale. Sie gehören zu euch, so seid ihr als Mensch gemeint – aber ihr müsst sie pflegen, damit sie zu Stärken und nicht zu Schwächen werden. Euch wurde im Praktikum gesagt, ihr wärt so still und zurückhaltend? Vielleicht ist es genau diese Eigenschaft, für die ihr später einmal im Beruf geschätzt werdet: dass ihr nachdenkt und hinschaut, bevor ihr voreilig etwas Falsches tut oder sagt, dass ihr zuhören könnt und ein aufmerksames Gegenüber seid.

Ihr seid immer wieder angeeckt mit euren Sprüchen und eurem nie versiegenden Einfallsreichtum? Andere für etwas begeistern können und alle dabei zu integrieren, das könnte eure Stärke sein. Ihr tragt eure Gedanken auf der Zunge und scheut euch nicht, sie auszusprechen? Gut so, unsere Gesellschaft braucht Menschen, die kritisch hinterfragen, zu ihrer Meinung stehen können und dann bereit sind mitzugestalten.

Aber passt auf, dass bei alldem Selbstvertrauen nicht zu Arroganz wird, Zurückhaltung und Ruhe nicht zu innerer Gehemmtheit, und dass ihr auch bei kritischen Gedanken immer noch das Gute an einer Sache oder einem Menschen seht.

Haltet Maß und behaltet den Blick auf die anderen Menschen um euch herum – aber das brauche ich euch eigentlich nicht extra zu sagen. Zwei Beispiele nur von vielen Situationen, in denen ihr mir auf beeindruckende Weise gezeigt habt, dass euch gelebte, echte Gemeinschaft wichtig ist und das ihr bereit seid, die Macken der anderen mitzutragen: in der 7ten, als ein damals „Neuer“, euch nicht nur nervte mit vorlautem Gebaren, sondern auch eueren Vertrauensvorschuss massiv missbraucht hatte, habt ihr das im Klassenrat besprochen und seid zu dem Schluss gekommen: „Ja – wir geben dir eine zweite Chance“ – und das habt ihr vorbehaltlos getan: heute ist er vielen ein guter Freund.* Dann in der 9ten, als ich schon die Geduld verloren hatte, aber ihr keine Ruhe gegeben habt, bis auch der letzte Schlamper sein Abschlusssweatshirt bestellt und bezahlt hatte: ihr habt das organisiert mit der Prämisse: wir lassen keinen zurück! – auch wenn alle möglichen Kommunikationskanäle bedient werden mussten, bis es geschafft war.

In der Abschlusszeitung habe ich einige Komplimente bekommen und danke euch dafür. Ein Kompliment gebe ich zurück: wäre ich ein Mitschüler in eurer Klasse gewesen – bei euch hätte ich mich wohlgefühlt!

Eure Frau M.

*edit:

O-Ton von P. in der 7ten (während Hofpause): Komisch, an meiner alten Schule hab ich mich immer geschlägert, aber hier gar nicht.

Frau M.:  Aha… wie kommts?

P: *zuckt mit den Schultern* kein Plan… irgendwie brauch ichs hier nicht und hab dann auch gar keinen Bock drauf. 🙂

 

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