Zu Burka und Burkini I

Ok, nachdem die Sache sich medial hinzieht und ich immer wieder versucht bin, mich zu Kommentaren in Foren hinreißen zu lassen, was mich in eine Dauerschleife des immer-das-Gleiche-von-mir-Gebens brächte, nun meine 2 cents zum Thema zusammengefasst  als post – es sei denn, jemand belehrt mich ÜBERZEUGEND eines Besseren!

Zunächst zum Burkini:

ich verstehe in gewissem Maße, dass die Franzosen, besonders in Nizza, nach allem was passierte da gewisse Empfindlichkeiten hegen und das Tragen eines Kleidungsstückes mit dem Zeigen eines erhobenen Mittelfingers gleichsetzen. Dennoch halte ich das Urteil, das das Tragen von Burkinis erlaubt, für richtig. Warum? Ziel ist die möglichst schnelle und vollständige Teilhabe streng muslimisch sozialisierter Frauen an allen gesellschaftlichen Aktivitäten mit dem ZIEL der Integration (-> „Ziel“ bedarf eines „Weges“). Das bedeutet nicht Anpassung bis zur völligen Selbstaufgabe, sondern das Erlernen gegenseitiger Akzeptanz – auch des Akzeptierens verschiedener „Schamschwellen“. Genau so wenig, wie eine europäisch sozialisierte Reisende im 19. Jahrhundert auf Tahiti spontan ihr Oberteil ablegen würde, nur weil Nacktheit dort selbstverständlich gelebt wurde (siehe jedes beliebige Gemälde von Paul Gaugin) , genau so wenig kann man verlangen, dass nahöstlich oder afghanisch sozialisierte Frauen oder Mädchen  sich von heute auf morgen komplett entblättern. Mit dem Burkini wird Teilhabe ohne Scham ermöglicht, und die Burkiniträgerinnen müssen ihrerseits akzeptieren, dass andere Frauen und Männer ihre Schamgrenze woanders haben (immer noch verschieden, von Tanga und megaknapp bis sittsamer Badeanzug). Das Problem dabei ist, dass ein Burkini ein politisches Statement sein KANN, aber nicht unbedingt in jedem Fall IST, genau wie ein Palituch, eine Krawatte, ein Kopftuch oder Springerstiefel. Nicht jeder Träger dieser Kleidungsstücke will provozieren und spalten, folglich muss der Burkini genau wie die anderen genannten Kleidungsstücke prinzipiell zugelassen sein mit dem Risiko, dass man von anderen Menschen gedanklich in eine entsprechende Schublade gesteckt wird (was im Übrigen bei JEDER Kleidung der Fall ist). Im Prinzip kann der Burkini sogar subversiv wirken, da er „religiös korrekt“ das Ansinnen extremistischer Imame unterläuft, Frauen von öffentlichen Aktivitäten fernzuhalten.

Was am Burkini ermöglicht Teilhabe? Die gewünschte Aktivität (Schwimmen – das zu können kann übrigens überlebenswichtig sein) kann ohne Behinderung ausgeführt werden, Mimik und Gestik sind nicht behindert, frau kann problemlos mit der gesamten Umgebung kommunizieren und umgekehrt.

Jenseits des derzeit herrschenden Beigeschmacks könnte der Burkini auch eine unmuslimische Badebekleidung für kältere Tage sein (siehe Taucher, die tragen auch Neopren) oder eine geeignete Badebekleidung für Sonnenallergiker oder auch für zB durch Brandwunden entstellte Menschen, die sich nicht ins öffentliche Freibad trauen aus Furcht, dumm gemustert zu werden (das als zukünftige Vision, wenn es einmal selbstverständlicher werden sollte).

Ich hoffe, dass ich richtig verstanden werde: ich sehe Burkini nicht als DIE neue gegebene Modeströmung, sondern würde mir wünschen, dass ohne Geglotze und Gelästere alles erlaubt ist von FKK über Tanga und Badeanzug bis zum Neoprenanzug.

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(Quellen: https://www.aliexpress.com/price/surf-clothes-brands_price.html  http://www.smesnadarila.si/darila-za-moske/majice-predpasniki-in-spodnje-perilo.html)

(Hier mal ein Männerbeispiel, deren Kleidung genau so gegängelt wird in der allgemeinen Diskussion – Wer entscheidet das eigentlich, dass Socken in Sandalen „gar nicht gehen“? Sicher, sieht dämlich aus, aber deshalb gesetzlich verbieten?)

Im Prinzip sind wir genau so unfrei wie wir es den Burkiniträgerinnen vorwerfen zu sein, wenn wir nur ein ganz schmales Spektrum an Badebekleidung zulassen und für gesellschaftlich ok befinden. Das hier trifft es ganz gut:

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(Quelle: http://blog24-7.sex-mit-sartre.de/2015/07/02/das-burka-verbot-und-andere-themaverfehlungen/)

Zuletzt noch zu dem Argument, dass Burkiniträgerinnen implizit allen Nicht-Burkiniträgerinnen vorwerfen, Schlampen zu sein, weil sie anderen Bekleidungsstandards folgen:

Wer lässt hier eigentlich wen nicht gelten bzw hat die Deutungshoheit?

Wenn man diese Denkweise überträgt: Empfindet jemand beim Anblick von einem Goth den Vorwurf, selbst nicht melancholisch und tiefgründig genug zu sein, weil er sich bunt und farbenfroh kleidet? Werfen alle Bartträger implizit den rasierten Männern vor, nicht männlich genug zu sein? Fühlt sich irgendein Mann dadurch genötigt, sich einen Bart wachsen zu lassen? Ändert Frau nur deshalb ihren Style, um angemessen depressiv rüberzukommen?) Das gibts wohl – aber wer sich im eigenen Stil dermaßen verunsichern und beeinflussen lässt, hat vielleicht selbst ein massives Selbstwertproblem (und sieht, im Falle des Burkini, vielleicht wirklich doof aus im BIkini und ist neidisch 4.gif?)

Ausblick: Was dagegen Burka betrifft, bin ich völlig anderer Meinung und würde ein Verbot absolut begrüßen – Artikel folgt!

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4 Gedanken zu „Zu Burka und Burkini I

  1. pimalrquadrat

    Ein sehr heikles Thema, weshalb ich mich dazu möglichst von Foren etc. fernhalte. Ich kann das Argument verstehen, dass Muslima durch einen Burkini immerhin etwas Wassersport reiben können und dadurch (hoffentlich?) in Kontakt treten zu westlichen Menschen, oder auch nur liberaleren Muslimen.
    Sofern dies passieren würde, könnte ich mich damit arrangieren. Als (Halb-)Franzose aber bin ich ganz kategorisch, Burka, Niqab und allerlei Mist, der das Gesicht verschleiert und eine in Europa übliche face to face Kommunikation verhindert gehört verboten (eigentlich gehört der Teil zum zweiten Artikel, aber den hab ich noch nicht gelsene. 😳 ). Dazu kommt, dass ich als Mann vermutlich nicht einmal mit einer verschleierten Muslima ins Gespräch käme, weil sicherlich Vater, Brüder und/oder Cousins auf den Plan treten und die Ehre der Dame beschützen würden…

    Ad Schlampe: Das Problem dabei ist für mich, dass im Islam – jedenfalls mein Wissensstand – ehrbare Frauen verhüllt, also verschleiert, unterwegs sind, und wer dies nicht tut, der ist unehrbar, und damit Freiwild. Das müssen nicht einmal alle Burkini- oder Burkaträgerinnen so sehen, diese Botschaft steckt implizit im Tragen des Schleiers mit dabei, da dies der einzige Grund für das Tragen eines solchen ist. Und wer dann in einem europäischen Land allen zu verstehen gibt, „ich bin verhüllt und ehrbar, und ihr nicht!“, der ist von Toleranz und Integration in etwa so weit entfernt wie ich vom Mond.
    Und da muss ich widersprechen. Ein Goth lebt sein Ding, ohne dass sein Äußeres durch eine Ideologie aufgeladen wird. Sicher, er grenzt sich dadurch ebenso kategorisch von allen anderen ab wie die Burkaträgerin, aber das geschieht wertneutral.

    Sorry für den langen Kommentar, vor allem, weil zum anderen auch noch was kommen dürfte. 😳

    Antwort
    1. kardamom

      Burka, Niqab und allerlei Mist, der das Gesicht verschleiert und eine in Europa übliche face to face Kommunikation verhindert gehört verboten

      Problem: Ab wann ist ein Niqab ein Niqab? Wer definiert, welche Gesichtspartien zwingend sichtbar sein müssen? Soll es dann Schablonen geben, mit denen die Ordnungshüter die Quadratzentimeter überprüfen?

      Burka – „ich will jemand in die Augen sehen können!“ Aha…. Und wie steht’s mit „westlichen“ Sonnenbrillen? Sonnenbrillen-Trage-Erlaubnis in Abhängigkeit zum lokalen und aktuellen UV-Index?

      Den südländisch-katholischen Trauerschleier der Witwen auch verbieten?

      Wir kommen in Teufels Küche, wenn wir uns mit den Definitionsfragen der „Gesichts-Sichtbarkeit“ rumschlagen wollen.

      Was ein Mensch an Kleidung und Accessoires trägt, ist allenfalls ein Symptom. Aber keine Ursache. Symptom-Bekämpfung ändert keine Ursachen…

      Antwort
      1. errollbundelfeuerstein Autor

        Zu deiner Argumentation: lies meinen Teil 2. Dann siehst du auch, wo ich Sonnenbrillen, Witwenschleier, Motorradhelme und Schweißerbrillen einordne und warum ich ebenfalls gegen Vollverschleierung bin.
        Zu „Symptom-Bekämpfung ändert keine Ursachen“: dennoch gibt ein Arzt (da du mit medizinischen Termini angefangen hast, nehme ich diese Metapher) AUCH fiebersenkende Mittel gegen einen Infekt oder begleitende Schmerzmittel, wenn es die Symptomatik verlangt – auch wenn diese nicht „heilen“. Ich meine, dass auch Symptome von Diskriminierung (Burka) nicht ignoriert/toleriert werden dürfen, auch dann, wenn die Ursachen dahinter (sexistisch-diskriminierendes Verhalten) noch nicht vor der Wurzel/Denkart her beseitigt werden können. Auch durch Revidierung äußerlich diskriminierender Regeln können Menschen Probleme ihrer Denkweise dahinter aufgezeigt und klar werden.

        Ich gehe im Übrigen IMMER von der Frau selbst aus, nicht von irgendwelchen gesellschaftlichen Normen. Und da sieht es halt so aus, dass der Burkini jede Handlungsfreiheit ermöglicht, die Burka / der Niqab aber verhindert. (siehe Teil II).

      2. pimalrquadrat

        Naja, die Ursache wird ja nicht mal benannt. Die liegt nämlich in einer intoleranten, radikalen und fundamentalistischen Auslegung des Islam. Womit zumindest dieser Teil des Islam das Problem ist. Nur: Wie geht man gegen eine ganze religiöse Ausrichtung vor?

        Davon abgesehen: Eine Sonnenbrille verhindert keine Kommunikation. Man sieht selbst mit dieser genug vom Gesicht des gegenübers, und jeder zieht seine Sonnenbrille beim Betreten eines Gebäudes oder bei Abwesenheit der Sonne ab. Kopftuch etc.? Die bleiben schön brav an ihrem Platz, denn da geht es um etwas anderes als die Augen vor zu viel Sonnenlicht zu schützen. Oder wie viele Sonnenbrillenträger kennst du, die dir damit zu verstehen geben, dass sie ehrbarer sind als du?
        Und sorry, aber wer einen Trauerschleier mit Burka und co. vergleicht, der hat den Schuss nicht gehört. Trauern alle Burkas auf zwei Beinen um einen Verstorbenen? Ziehen alle wandelnden Zelte ihre Bekleidung nach Ablauf der Trauer ab? Als nächstes wird noch die Burka mit dem Argument verteidigt, dass man ja schließlich auch Hosen anzieht…

        Manchmal frag ich mich, ob die Leute, die Burka und co. um jeden Preis verteidigen und sich dadurch besonders liberal und aufgeklärt fühlen, eigentlich wissen, worauf sie sich einlassen.

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