Lehrer sind keine Erzieher (Warnhinweis: ein rant)

Vorgeschichte – dieser post in einer Diskussion:

Der Lehrkörper nimmt für sich in Anspruch, Profi in Sachen „Erziehung“ zu sein. Und die Mitglieder in der Verlosung kassieren ein Schweinegeld…

Sie kommen sich fürchterbar wichtig vor, sind natürlich ausgebrannt und unterbezahlt, komplett überarbeitet  und haben null Freude am Job. Komisch, dass diese Beschreibung genau auf die komplett überforderte und inkompetente Hälfte zutrifft…

Falsch. Lehrer sind Experten in Sachen Bildung (bzw sollten es sein, wenn sie kompetent sind), nicht in Sachen Erziehung. Nicht umsonst gibt es daneben das Berufsbild des Erziehers / Sozialpädagogen. Lehrer sind, um ihren Beruf angemessen ausüben zu können, darauf angewiesen, wenigstens in Teilen erzogene Kinder vorzufinden.

Ja, Lehrer erziehen AUCH – aber Fachleute für Erziehung sind sie definitv NICHT. Gymnasiallehrer „dilettieren“ komplett – bei anderen Sekundarlehrern und Grundschullehrern sind wenigstens einige basics überflugartig in der Ausbildung mit drin. Erziehung in der Schule ist wieder ein anderes Feld als Methodik und Didaktik, wo es eher darum geht, Inhalte entwicklungspsychologisch angemessen und motivierend an den Schüler zu bringen. (merke: man kann gleichzeitig hochmotiviert und total unerzogen sein.)

Im Feld „Erziehung“ geht es eher um Inhalte wie: Wie gehe ich angemessen mit Mitschülern und erwachsenen Respektspersonen um? Wie strukturiere ich meine Aufgaben? Wie komme ich in einem Lernteam klar? Wie gehe ich mit meinen (und fremden ) Materialien um? Was sind grundlegende Höflichkeitsformen? Wie strukturiere ich mich selbst (Pünktlichkeit, (klingt lächerlich, aber ja:) Toilettengänge, „bei der Sache bleiben“ usw.

Diese „Inhalte“ sind natürlich altersgemäß unterschiedlich einforderbar. Von einem Fünftklässler kann ich mehr erwarten als von einem Erstklässler, der erst am Beginn des Prozesses steht, das alles auf die Reihe zu kriegen. Dass dann wieder ab der Pubertät einiges davon NICHT mehr funktioniert, ist auch normal.

Die Frage ist für mich, wie viel Zeit ich als Lehrer zum „Training“ dieser basics aufwenden muss und wie viel Zeit mir dann noch bleibt für meinen eigentlichen Kernauftrag, die Bildung und das (motivierende) Vermitteln von Inhalten.

Eine Verwandte von mir war Lehrerin im „desaströsen“ Nordrhein-Westfalen, Hauptschule. Sie berichtete mir, sie seien an einen Punkt gekommen, wo die Schule festlegte: mit dem Unterricht wird erst dann begonnen, wenn die Schüler zu Beginn eines Schuljahres dazu in der Lage seien. Will meinen: Die Schüler sind pünktlich da – Hefte und Stifte sind vorhanden – grundlegende Verhaltensnormen sind geklärt (eine Kultur des Zuhörens, keine Tätlichkeiten.) Das hat dann schon mal 3 Wochen „Erziehungstraining“ gebraucht, meinte sie.

So schlimm ist es hier bei uns noch nicht. Ich habe eine Stunde „Klassenrat“ pro Woche – keine Extrastunde, sondern herausgeschwitzt aus dem Pool, der für Deutsch, Mathe Englisch vorgesehen war. Das hat sich als nötig erwiesen als Grundlage dafür, dass alle anderen Fächer überhaupt sinnvoll stattfinden KÖNNEN. Darin werden Konflikte zwischen den Schülern, zwischen Schülern und Lehrern sowie Sorgen und Nöte (auch private) geklärt, damit alle den Kopf erst mal frei bekommen für Inhaltliches.

Darüber hinaus kommt es trotzdem (diese Woche zuletzt^^) vor, dass eine komplette (in dem Fall Englisch)stunde wegfällt, weil die halbe Klasse völlig außer sich aus der Hofpause zurückkommt und ein Konflikt geklärt werden muss.

Als Lehrer hat man die Wahl (und ist in JEDEM Fall Vorhaltungen der Eltern ausgesetzt):

– versucht man seinen „Stoff“ durchzuziehen, gärt und schwelt der Konflikt unterschwellig weiter. Die Schülermotivation ist ohnehin am Ende, weil die Gehirne  etwas komplett anderes beschäftigt, schlimmstenfalls kommt es zur Konfrontation – irgendwo will die aus der Pause mitgebrachte Schülerwut schließlich raus! Elternvorwurf: Man geht nicht auf die Schüler ein, wird ihnen nicht gerecht, man versucht autoritär sein Ding durchzudrücken.

– opfert man die Stunde zur Konfliktlösung, gerät der „Stoff“ ins Hintertreffen. Elternvorwurf: Was macht man eigentlich die ganze Zeit für Gesprächstherapiekreise? Haben ihre Kinder nicht ein Recht auf Bildung?

Da ähnliche Situationen immer mehr überhand nehmen, hat meine Schule (und da ist sie gegenüber anderen deutlich im Vorteil) einen Schulsozialarbeiter und pädagogische Assistenten (sic: fachlich ausgebildete ERZIEHUNGSpersonen), die Schüler, die gerade nicht „funktionieren“, aus dem Unterricht nehmen können und getrennt davon Dinge klären können.

Diesen Vorteil hat allerdings nicht jede Schule – und ja, Lehrer sind mittlerweile mit der Fülle und dem Niveau der Erziehungsaufgaben überfordert, die auf sie mehr und mehr zukommen, für die sie nicht ausgebildet sind und die sie neben ihrer eigentlichen Aufgabe leisten sollen.

Auf diese Tatsache reagieren Lehrer verschieden: die einen ziehen sich zurück auf ihre Kernaufgabe der Bildung, der „Rest“ geht sie nichts an, notfalls ziehen sie ihr Ding mit struktureller Gewalt durch – Resultat: einige Schüler mit guter Schulbildung, der Rest gemobbte Wracks oder Amoklaufüberleger. Die anderen Lehrer ackern hoffnungslos im Spagat zwischen Bildung und „Erziehung extreme“ bis zum (bei Lehrern überdurchschnittlich häufigen) burnout – Resultat… wenn ich das wüsste? Viel zu wenige Lehrer schließlich geben zu, dass Hilfe nötig ist, und zwar FACHLICHE von Erziehungsprofis, da es tatsächlich so ist, dass die Eltern IHRE Kernaufgabe der Erziehung gerne an die Schule abgeben, die dafür eigentlich nur im Rahmen einer „Erziehungspartnerschaft“ da ist, Hand in Hand mit Eltern. Interessieren sich die Eltern einen Kehricht für schulische Belange, sorgen nicht für die nötigsten Materialien, ziehen daheim über die Lehrer IHRER Schulzeit her, nehmen das System nicht ernst, schicken ihr Kind nicht pünktlich und haben für alles eine Entschuldigung, sorgen nicht einmal für passende Kleidung ( jetzt wirds grad wieder Winter und wir haben frierende T Shirtkinder ohne passende Winterjacke hier), gehen dafür gerne mal ein paar Tage früher in Urlaub „weil in den letzten Schultagen passiert ja eh nichts mehr“, dann stehen wir auf verlorenem Posten. Wie sollten diese Kinder denn die Schule wahrnehmen wenn nicht als lästige nutzlose Unterbrechung der Zockerzeit zuhause?

KOMPETENTE Lehrer nehmen übrigens auch gerne SACHLICHE Kritik von Eltern entgegen. Anmerkungen wie „Sie geben zu viele Hausaufgaben“ oder „Mein Sohn hat Probleme, Ihre Tafelanschriebe zu lesen“ können durchaus hilfreich sein, wenn man sich als Eltern vorher informiert hat.

Ich erkenne übrigens Kinder mit nicht funktionierenden Eltern meist daran, dass sie mir überdurchschnittlich viel zu erzählen haben; auch Familieninterna sowie äußerst Intimes (ich leite mittags auch den Schülerimbiss – was man da so alles erfährt…) Von außen besehen: schön, dass ein Vertrauensverhältnis besteht – – – oft denke ich aber: haben die keine Mutter, keinen Vater oder wen auch immer, der ihnen einfach mal zuhört? DAS ist eigentlich nicht mein Job. Meinen eigenen Kindern wäre es im Traum nicht eingefallen, ihr ganzes Leben breit vor den Lehrern auszuwalzen. Dafür ist doch Familie da? Sollte wenigstens?

Erstaunlich auch die (auch bei Kollegen oft vorkommenden) gut einstündigen Elterngespräche, die sich auch gerne mal gar nicht mehr um das Kind drehen, sondern zu Lebensberatung werden – ist das noch der Lehrerjob?

Als ich einer Psychiaterin einmal vor meinem ganzen Arbeitssetting erzählte, lachte sie mich aus und meinte, eigentlich täte ich z.T. das Gleiche wie sie – nur eben wesentlich schlechter bezahlt…

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5 Gedanken zu „Lehrer sind keine Erzieher (Warnhinweis: ein rant)

  1. Alice Wunder

    Die Unterscheiddung von Bildung und Erziehung habe ich in der Schärfe noch nie gelesen. Bringt mich auf den Gedanken, daß Bildungsungerechtigkeit auch in „unserer“ Ideologie begründet sein könnte, daß Erziehung familiäre Privatsache zu sein hat, die Schwierigkeiten der Lehrer auch mit dem fehlenden offiziellen Erziehungsauftrag zu tun haben? Das Westdeutsche Modell sieht also vor, ein jeder erreiche das Bildungsziel zu welchem ihn die familiäre Erziehung befähigt. Mittlerweile ist eine Hebung des Bildungsniveaus erklärtes Staatsziel, die erzieherischen Defizite werden aber nur da mittels Hilfsmaßnahmen notdürftig behoben, wo sich die böse Realität partout nicht an die ideologischen Vorgaben halten will…

    Antwort
  2. pimalrquadrat

    Erziehung war mal Aufgabe der Eltern. Da diese sich aus diversen Gründen aus dieser Verantwortung verabschieden, zugleich aber nicht willens sind, das auch genau so zuzugeben, wird halt der nächstbeste Verantwortliche gesucht. Und da eh jeder mal mit Lehrern zu tun hatte, sich jeder (also, außer Lehrern und ein paar wenigen) darineinig ist, dass Lehrer überbezahlte, faule und unfähige A.-Löcher sind, wird denen eben mehr und mehr Erziehungsarbeit aufgehalst, mal mehr, mal weniger direkt. Und wenn die Lehrer sich dazu äußern, kann man sich brav in seinen Vorurteilen bestätigt fühlen….

    Ein kleiner, radikaler Teil von mir wäre für Elternführerschein vor dem Kinderkriegen, und wer den nicht besteht, wird halt kastriert. *seufz*

    Antwort
      1. pimalrquadrat

        Das könnte man eigentlich den Eltern sagen. „Wie, ihr findet, es sei doch keine Arbeit, wenn Lehrer eure Blagen erziehen? Dann macht es doch mal selbst!“ ^^

        Ich hab echt riesigen Respekt vor den Lehrern, die sich in diesem System tagtäglich aufreiben, damit die Kinder ne Chance bekommen.

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