Vom Großversuch „Schule als Hochsicherheitstrakt“

1. Akt

Schusseliger Gast-Sprachenlehrer eines europäischen Partnerstaates verliert den ihm auf Zeit verliehenen Generalschlüssel. Weia, das wird teuer, denn die Schule muss die ganze Schließanlage erneuern lassen… Den satt vierstelligen Betrag zahlt mit etwas Glück die Haftpflicht, so der Aupairkollege denn eine hat. Die Stadt findet das grandios: dann kann man ja endlich auf den neuesten Standard aufrüsten – eine elektronische Schließanlage! Soll ja jetzt ohnehin Standard werden wegen Amok und so, oder?

2. Akt

Supi, die Schließanlage lässt sich programmieren! Der Musikverein darf / kann nur noch zu den Probenzeiten ins Haus, woraufhin die Anzahl mysteriös illegal gemachter Kopien, wegen derer die Lehrer angeranzt wurden (Leute, kopiert doch mal sparsamer und nicht jeden Mist! Was das kostet!) drastisch sinkt. Tja, GEMA heißt eben nicht „gema da rüber und kopier noch was für die neuen Bläser“…

3. Akt

Die Stadt denkt sich daraufhin weiter aus, wenn wann reindürfen soll. Man hat ja so viele Möglichkeiten! Für Lehrer soll die Schule von 7 Uhr bis 17 Uhr an Wochentagen geöffnet sein. Die Lehrer jubeln. Endlich den Nachmittagsunterricht ausfallen lassen und den Ganztagsbetrieb, wenn eine Konferenz ansteht! Elternabende und Eltern-Einzelgespräche nur noch zu ordentlichen Geschäftszeiten! Keine lästige Vorbereitung des Technikunterrichtes / Kochunterrichtes / Chemieunterrichtes mehr am Wochenende! Keine aufwändige Stationenarbeit mit freiem Lernen im Klassenzimmer! Ab jetzt wird, zumindest Montags, nur noch Theorie gepaukt – und ganzwöchig frontal unterrichtet! Schließlich kann man diverse Gefahrstoffe für das Experiment nicht mal von Freitag bis Montag rumstehen lassen, das Holz für Technik konnte ja auch erst am Freitagmittag nach dem Unterricht gekauft werden, und dann ist es ja noch nicht zugesägt. Stationen richten geht auch nur dann, wenn keine Schüler dazwischenstiefeln, also: nicht. Immerhin sind wir Ganztagsschule. Wie jetzt, die „verlässliche Betreuung der Kinder muss für berufstätige Eltern gewährleistet sein und Ausfall „Ganztag“ geht gar nicht? Wie jetzt, vor 17 Uhr haben die Eltern aber keine Zeit und das wäre eine Zumutung? Auf städtischen Ämtern geht das doch auch! Wie jetzt, das Schulprofil mit viel praktischer Arbeit und freiem Lernen darf nicht leiden? So ein Mist aber auch.

Die Stadt mault bei der Schulleitung: Wenn das so ist, dass es bei Lehrern nur mit zeitlich unbegrenztem Zugang geht, hätten wir ja auch beim konventionellen System bleiben können, was ergibt das für einen Sinn? Moment mal – WER wollte nochmal das neue System? Und warum nochmal gleich?

4. Akt

Schauen wir also auf das item Amok. Die niederschwelligsten amokartigen Erfahrungen haben wir bereits gemacht mit Helikoptereltern, die ihr Kind trotz der eindeutigen Aufkleber an den Schultüren „Ab hier kann ich alleine“ ihr Kind bis ins Klassenzimmer verfolgen, ihm den Ranzen auspacken/am Ende wieder einpacken, in den Sachen von Mitschülern schnüffeln (wirklich wahr!) und erst nach mehrfacher Aufforderung der Lehrkraft das Schulgebäude widerwillig verlassen, um sich 20cm hinter der „Schulgrenze“, wo Rauchverbot herrscht, erst einmal eine Kippe anzuzünden. Ab jetzt sollte es also wirklich „wir bleiben draußen!“ für Eltern heißen – wenigstens doch mittags beim Abholen (Sowieso eine komische Unsitte, aber das ist wieder ein Thema für sich). Die Schultüren sind geöffnet bis eine Viertelstunde nach Unterrichtsbeginn, wer dann kommt, muss klingeln und sich der Sekretärin an der Sprechanlage erklären, die ungeheuer begeistert über ihr neues Job-Tool ist und dementsprechend reagiert. Wer Drachen mag…

Die Praxis dazu: eine Klasse ist derzeit wegen Platzmangel in ein anderes Gebäude ausgelagert, muss aber für Kochen, Technik, Chemie… weiterhin in die Fachräume ins Haupthaus. Am Ende der großen Pause ist jeweils wechselnd eine andere Klasse für den „Hofdienst“ zuständig und sichtet den Schulhof noch einmal nach Müll, vergessenen Brotdosen, Mützen usw.  Auch diese Schüler müssen wieder ins Haus kommen – NACH allen anderen, ist ja klar. Die Grundschüler gehen zu unterschiedlichen Zeiten mittags in die Mensa, auch da muss der Rückweg gewährleistet sein. Und zwar während der GANZEN Mittagspause, sonst kann da ja keiner aufs Klo. Lösung: die zusätzliche app „formschöner Holzkeil“, der den Zugang zum Haus außerhalb der Öffnungszeiten ermöglicht, indem er verhindert, dass die Türen zufallen.

Und beim Abholen zu Unterrichtsende?

„Ha, die müssen jetzt draußen bleiben!“ feixt eine Abhol-Oma, die nachmittags gegen Schulende bereits im Haus steht und die anderen Eltern draußen mustert. Ähm – bereits im Haus? Des Rätsels Lösung: die Oma ist nicht nur Oma, sondern auch eine unserer Putzfrauen, da hat sie natürlich einen Chip – und wer mit ihr gut kann (aber nur der!), hat zumindest eine kleine Chance auf das Privileg, auch hineinzudürfen.

Fehlt noch Akt 5:

Bei Befragen des Hausmeisters, was denn nun bei Stromausfall, leeren Batterien oder Softwareproblemen im Zusammenspiel Tür – Chip passiert, konnte der auch nur mit den Achseln zucken.

Ach ja, zum Schluss noch: in unserer Schule wird durchschnittlich ein mal im Jahr, meist völlig sinnlos eingebrochen. Die zwei letzten Male kamen die Einbrecher über einfach verglaste Fenster im EG und im Souterrain. Und die gibts natürlich immer noch…

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