(Meine) Schule im Wandel

Ein frustrierter tweet, entstanden aus den veränderten Bedingungen, vor die uns die Coronakrise plötzlich stellte – und schon beginnt es in meinem Kopf zu kreisen:

Wann ist das eigentlich gekippt, dass Schule so viel mehr wurde? Als ich vor 31 Jahren in der Provinz anfing, hatten wir dort noch reine Bildungsfunktion. Es gab ein paar “Schlüsselkinder“, bei denen mittags niemand daheim war. Das war deren Problem und sie wurden maßnahmenlos einfach bedauert.

Ab dem Mauerfall wurde der Betreuungsbedarf in einer sich verändernden Gesellschaft mehr und mehr wahrgenommen.
Wir definierten Schule um als “Lebensraum“ der Kinder und Jugendlichen. Zuerst gab es vermehrt AG-Angebote. 2001 wurde bei uns die Ganztagsschule etabliert. Allerdings merkten wir recht schnell, dass das alleine mit Lehrerdeputaten nicht zu stemmen ist. Das KuMi empfahl, ehrenamtliche Mitarbeiter aus den Vereinen anzuwerben – schließlich hätten die die Kinder ja bisher auch nachmittags betreut…

Komplette Fehleinschätzung: auch ein Fußballtrainer oder die Jugendwartin des Musikvereins haben noch einen Beruf, und ihre Loyalität gilt dem Verein, was etwas grundsätzlich anderes ist, als sich plötzlich gesamtgesellschaftlich in der Verpflichtung zu sehen.

An anderen Orten wurde daraufhin die Betreuung durch Lehrer so definiert, dass 90 min Ganztags-/Hausaufgabenbetreuung als 1 Deputatsstunde galt – schließlich müsse man das ja nicht vor- oder nachbereiten.
Als ich vom Erziehungsurlaub von Kind 3 zurückkam, fühlte ich mich etwas überfordert: neben dem Unterricht hatten Lehrer (für mich plötzlich) zahlreiche Erziehungsaufgaben zu erfüllen, angefangen vom korrekten Verhalten bei gemeinsamen Mahlzeiten (Mensa) bis hin zum Bearbeiten von Lebenskrisen.
So ging das nicht. Schulsozialarbeit wurde etabliert, Erziehungsaufgaben und Ganztagsbetreuung hier bei uns städtischerseits durch Angestellte übernommen (unser Glück, in einer solventen Kommune zu arbeiten!). Dennoch habe ich die veränderten Strukturen nach dem ersten Schock (DAS habe ich nicht studiert!) als total positiv wahrgenommen, weil ich endlich noch mehr so arbeiten konnte, wie ich mir das immer gewünscht hatte: über Beziehung. Teilweise verbringen wir mehr Zeit mit den Kindern und Jugendlichen als die eigenen Eltern und “leben“ gemeinsam. Ich habe einen schülerorganisierten Imbiss mit Spieleecke für die Mittagspause geleitet – gerne, trotz lächerlicher Deputatsanrechnung, denn daraus erwuchs ein ganz anderes Verhältnis zu den Jugendlichen. Ich hatte mit eifersüchtigen Müttern zu tun, da mir ihre Töchter Dinge anvertraut hatten, von denen sie nichts wussten. Es lag an der gemeinsamen Zeit, dem gemeinsamen Essen, der gemeinsamen Arbeit im Imbiss… Mit letzterem ist für mich eine Grenze erreicht und eine kleine Warnung verbunden: es kann nicht sein, dass wir (eigentlich Bildungsinstitution) ganz selbstverständlich erste Bezugspersonen werden und Familien erst an zweiter Stelle rangieren.

In dem Maße, in dem die Schule das bietet, gehen wohl häusliche Strukturen und Miteinander-Lebensweisen verloren.
Und da grätscht jetzt Corona rein.

Wir stehen vor folgenden Tatbeständen:
Wir können (und ich will auch) nicht mehr zurück in die Zeit der “armen Schlüsselkinder“.
Aber kann und muss Schule allein all das leisten, zu was sie in den letzten 20 Jahren geworden ist? Bildung geht digital. Beziehungsarbeit werden wir so nicht mehr leisten können.

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