Archiv der Kategorie: Jugend und Co

Vom Großversuch „Schule als Hochsicherheitstrakt“

1. Akt

Schusseliger Gast-Sprachenlehrer eines europäischen Partnerstaates verliert den ihm auf Zeit verliehenen Generalschlüssel. Weia, das wird teuer, denn die Schule muss die ganze Schließanlage erneuern lassen… Den satt vierstelligen Betrag zahlt mit etwas Glück die Haftpflicht, so der Aupairkollege denn eine hat. Die Stadt findet das grandios: dann kann man ja endlich auf den neuesten Standard aufrüsten – eine elektronische Schließanlage! Soll ja jetzt ohnehin Standard werden wegen Amok und so, oder?

2. Akt

Supi, die Schließanlage lässt sich programmieren! Der Musikverein darf / kann nur noch zu den Probenzeiten ins Haus, woraufhin die Anzahl mysteriös illegal gemachter Kopien, wegen derer die Lehrer angeranzt wurden (Leute, kopiert doch mal sparsamer und nicht jeden Mist! Was das kostet!) drastisch sinkt. Tja, GEMA heißt eben nicht „gema da rüber und kopier noch was für die neuen Bläser“…

3. Akt

Die Stadt denkt sich daraufhin weiter aus, wenn wann reindürfen soll. Man hat ja so viele Möglichkeiten! Für Lehrer soll die Schule von 7 Uhr bis 17 Uhr an Wochentagen geöffnet sein. Die Lehrer jubeln. Endlich den Nachmittagsunterricht ausfallen lassen und den Ganztagsbetrieb, wenn eine Konferenz ansteht! Elternabende und Eltern-Einzelgespräche nur noch zu ordentlichen Geschäftszeiten! Keine lästige Vorbereitung des Technikunterrichtes / Kochunterrichtes / Chemieunterrichtes mehr am Wochenende! Keine aufwändige Stationenarbeit mit freiem Lernen im Klassenzimmer! Ab jetzt wird, zumindest Montags, nur noch Theorie gepaukt – und ganzwöchig frontal unterrichtet! Schließlich kann man diverse Gefahrstoffe für das Experiment nicht mal von Freitag bis Montag rumstehen lassen, das Holz für Technik konnte ja auch erst am Freitagmittag nach dem Unterricht gekauft werden, und dann ist es ja noch nicht zugesägt. Stationen richten geht auch nur dann, wenn keine Schüler dazwischenstiefeln, also: nicht. Immerhin sind wir Ganztagsschule. Wie jetzt, die „verlässliche Betreuung der Kinder muss für berufstätige Eltern gewährleistet sein und Ausfall „Ganztag“ geht gar nicht? Wie jetzt, vor 17 Uhr haben die Eltern aber keine Zeit und das wäre eine Zumutung? Auf städtischen Ämtern geht das doch auch! Wie jetzt, das Schulprofil mit viel praktischer Arbeit und freiem Lernen darf nicht leiden? So ein Mist aber auch.

Die Stadt mault bei der Schulleitung: Wenn das so ist, dass es bei Lehrern nur mit zeitlich unbegrenztem Zugang geht, hätten wir ja auch beim konventionellen System bleiben können, was ergibt das für einen Sinn? Moment mal – WER wollte nochmal das neue System? Und warum nochmal gleich?

4. Akt

Schauen wir also auf das item Amok. Die niederschwelligsten amokartigen Erfahrungen haben wir bereits gemacht mit Helikoptereltern, die ihr Kind trotz der eindeutigen Aufkleber an den Schultüren „Ab hier kann ich alleine“ ihr Kind bis ins Klassenzimmer verfolgen, ihm den Ranzen auspacken/am Ende wieder einpacken, in den Sachen von Mitschülern schnüffeln (wirklich wahr!) und erst nach mehrfacher Aufforderung der Lehrkraft das Schulgebäude widerwillig verlassen, um sich 20cm hinter der „Schulgrenze“, wo Rauchverbot herrscht, erst einmal eine Kippe anzuzünden. Ab jetzt sollte es also wirklich „wir bleiben draußen!“ für Eltern heißen – wenigstens doch mittags beim Abholen (Sowieso eine komische Unsitte, aber das ist wieder ein Thema für sich). Die Schultüren sind geöffnet bis eine Viertelstunde nach Unterrichtsbeginn, wer dann kommt, muss klingeln und sich der Sekretärin an der Sprechanlage erklären, die ungeheuer begeistert über ihr neues Job-Tool ist und dementsprechend reagiert. Wer Drachen mag…

Die Praxis dazu: eine Klasse ist derzeit wegen Platzmangel in ein anderes Gebäude ausgelagert, muss aber für Kochen, Technik, Chemie… weiterhin in die Fachräume ins Haupthaus. Am Ende der großen Pause ist jeweils wechselnd eine andere Klasse für den „Hofdienst“ zuständig und sichtet den Schulhof noch einmal nach Müll, vergessenen Brotdosen, Mützen usw.  Auch diese Schüler müssen wieder ins Haus kommen – NACH allen anderen, ist ja klar. Die Grundschüler gehen zu unterschiedlichen Zeiten mittags in die Mensa, auch da muss der Rückweg gewährleistet sein. Und zwar während der GANZEN Mittagspause, sonst kann da ja keiner aufs Klo. Lösung: die zusätzliche app „formschöner Holzkeil“, der den Zugang zum Haus außerhalb der Öffnungszeiten ermöglicht, indem er verhindert, dass die Türen zufallen.

Und beim Abholen zu Unterrichtsende?

„Ha, die müssen jetzt draußen bleiben!“ feixt eine Abhol-Oma, die nachmittags gegen Schulende bereits im Haus steht und die anderen Eltern draußen mustert. Ähm – bereits im Haus? Des Rätsels Lösung: die Oma ist nicht nur Oma, sondern auch eine unserer Putzfrauen, da hat sie natürlich einen Chip – und wer mit ihr gut kann (aber nur der!), hat zumindest eine kleine Chance auf das Privileg, auch hineinzudürfen.

Fehlt noch Akt 5:

Bei Befragen des Hausmeisters, was denn nun bei Stromausfall, leeren Batterien oder Softwareproblemen im Zusammenspiel Tür – Chip passiert, konnte der auch nur mit den Achseln zucken.

Ach ja, zum Schluss noch: in unserer Schule wird durchschnittlich ein mal im Jahr, meist völlig sinnlos eingebrochen. Die zwei letzten Male kamen die Einbrecher über einfach verglaste Fenster im EG und im Souterrain. Und die gibts natürlich immer noch…

Wahrheit und Dichtung: „sms ruiniert die Kommunikationskultur der Jugend!“

DAS VORURTEIL:

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DIE REALITÄT (entstanden so diese Woche, nachts zwischen 23:05 und Mitternacht, zwischen mops und miez, Bier und Radlern, Kneipe und homebase, per sms) :

mops 23:05

Duuhuuuuu…

deine ältere Tochter fasste soeben einen Entschluss.

Ich hoffe, es bereitet dir keinen Verdruss.

Sie nächtigt ein weiteres Mal bei mir

und steht erst ab morgen zur Verfügung dir.

Sie findet vor dem Mittag sich ein

um Teil eures Speiserituals zu sein.

miez 23:14

und sei es noch so elegant

die Nachricht, klar und wortgewandt

so will sie SO mir nicht recht nutzen

wer hilft mir morgen Fensterputzen?26.gif

mops 23:28

So machst du denn den Plan zunichte

oh große miezin sprich und richte.

deine Tochter kommt heut nacht noch heim

und ich frier im Bett, bin ganz allein.2.gif

miez 23:34

1.gif Verzage nicht du Häuflein klein,

bleib doch heut nacht nicht ganz allein

mir reichts sie ist um halb zehn da

voll Tatendrang zwecks Fensterklar…

miez 23: 39

Ich hoffe das erreichte dich

noch vor dem Abschied fürchterlich?

denn wärs zu spät, wie ich es so sah,

dann schreiben wir demnächst in Prosa…

(die Biene* packt für große Reise                                                                           (*Tochter 2)

des Nachts, ich glaub, sie hat ne Meise

sie macht mich wild auf diese Weise

des Schlafs beraubt sitzt ich hier leise

und find das eine schöne Schande. 55.gif)

mops 23:50

Mein Herz frohlocket wunderbar

ich reich ihr prompt mein Handy dar.

Sie bleibt bei mir

und eilt zu dir

des morgens erst, das ist ja klar.

miez an maus 23: 55

gehab dich wohl du jungfer hold

nichts Arges ich dir tuen wollt

lass vor dem Morgen dir nicht grauen-

wir schaffen das zu zweit, wir Frauen.

miez an mops 23:58

Nun schrieb ich deiner holden fruwe.

Gehabt euch wohl und pflegt der Ruhe!

Anm: Nein, ich bin keine anstrengende Schwiegermutter in spe. ER hat angefangen! 1.gif

PS: Fenster sind inzwischen wieder eine ziemlich durchsichtige Angelegenheit dank Teamarbeit…

Amok

Er ist ein „Eigengewächs“ unserer Schule – so bezeichnet mein Ex-Chef gerne die Schüler, die schon in Klasse 1 bei uns eingeschult wurden und dann in irgendeiner Weise hier unterwegs waren bis in die höheren Klassen.

Sogar seine Mutter war schon Schülerin bei uns gewesen und hatte auch einen ganz ordentlichen Abschluss gemacht. Danach aber hatte sie einen Mann aus ihrem Heimatland geheiratet, der nur sehr wenig Deutsch sprach – so kam es, dass er, der Sohn mit einem sehr geringen Wortschatz und auch sonst defizitären Sprachfertigkeiten mit 6 bei uns eingeschult wurde. Solche Kinder erhalten bei uns zusätzlich individuelle Förderung – ab Klasse 3 wurde jedoch überdeutlich (was sich bisher schlecht einschätzen ließ), dass seine unterdurchschnittlichen Leistungen nicht nur auf sein immer noch schlechtes Deutsch zurückzuführen waren. Er konnte abstrakte Sachverhalte nur schwer erfassen, auch das Erkennen von Zusammenhängen zwischen Dingen fiel ihm nicht leicht. Mit viel Fleiß erreichte er Noten, die seine Klassenkameraden mit links (offline1.gif!) aus dem Ärmel schüttelten. In dieser Zeit war er in der Sonderförderung einer Kooperation mit einer Schule für Lernbehinderte. Er bekam in Einzelbetreuung zusätzliche Hilfen. Die Klassenlehrerin in Klasse 4 versuchte die Mutter in Gesprächen davon zu überzeugen, dass er mit einem Wechsel an die nebenan liegende Förderschule besser aufgehoben wäre: dort wird der gleiche Lernstoff wie bei uns besonders aufbereitet in Klassengrößen von 7 – 9 Schülern vermittelt. Nicht selten passiert es, dass solche Schüler in der 8. oder 9. Klasse zu uns zurückkommen, weil sie nun selbständig genug im Lernen sind, um in einer Klasse mit 26 Schülern den Hauptschulabschluss zu machen und eine Lehrstelle zu bekommen (wir haben an meiner Schule ein besonderes berufliches Förderkonzept).

Die Mutter ging auf diese Vorschläge nicht ein. Sonderschule? So ein Stigma für ihr Kind wäre für sie unerträglich, undenkbar gewesen. Also durfte Sohnemann nach Klasse 4 eine Ehrenrunde drehen. Auch die „neue“ Klassenlehrerin konnte die Mutter nicht von der Idee überzeugen, dass ihr Sohn eigentlich an der falschen Schule sei. Das Konzept der integrativen Förderung (stundenweise Betreuung duch Förderschullehrer) hat allerdings seine Grenzen – so mancher benötigt halt doch etwas MEHR Hilfe…

In der Folge zog die Familie in einen Nachbarort, wo der Junge zur Hauptschule ging. Ein Jahr – dann ging die Familie „zurück“ in das Heimatland des Vaters (und der Mutter, das aber nie ihr eigenes gewesen war, war sie doch in Deutschland geboren und aufgewachsen…) Binnen 2er Jahre war die Familie ruiniert, beide Eltern arbeitslos, ihre Existenzgrundlagen aufgebraucht. Die Frau trennte sich vom Vater des Jungen, kam zurück nach Deutschland und fing von vorne an. In einer zweiten Hauptschule, weiterer Nachbarort, versuchte der Junge erneut sein Glück in der 7ten Klasse – und blieb sitzen. In dieser „Not“ kam die Mutter an ihre alte, also meine Schule, wo ihr Kind ja schon ab der ersten Klasse so gut betreut worden war…: eine Schulbezirksänderung wäre für ihr Kind dringend nötig, die Hauptschule im Nachbarort wäre grob ausländerfeindlich und ihr Kind völlig inadäquat behandelt… und meine Schule hätte ja so ein gutes Förderkonzept…

Mein Chef gab nach. Nun kam der Junge also wieder an die Schule, in der er schon seit der ersten Klasse gewesen war – mit ihm sein kleiner Bruder, in die gleiche Klasse, denn der Bruder war niemals sitzengeblieben.

Da saß er nun, mittlerweile fast 16, in der 7ten Klasse, ein Mann unter 13-14jährigen Kindern, die vor seiner Nase alles besser, schneller und erfolgreicher machten, inclusive sein jüngerer Bruder. Ein halbes Jahr bemühte er sich noch, so gut es ging – bis sich sein Vater aus der „Heimat“ meldete: alles, alles würde er dem Sohn schenken, wenn der zurück zu ihm käme: einen laptop, einen Hund, ein gechilltes Leben… Die Mutter hatte mittlerweile einen neuen Partner, der die Söhne durchaus ernst nahm und versuchte, sie zu erziehen und zu fordern. Da traf nun also der leibliche Vater, der das Blaue vom Himmel herunter versprach, auf einen „Stief“vater, der auch auf die unbequemen Seiten des Lebens hinwies und Leistung einforderte.

Ich wunderte mich indes, wie renitent, unlustig und „null-Bock-mäßig“  der Junge im zweiten Halbjahr plötzlich geworden war. Mit den Leistungen des ersten Halbjahrs wäre die 8te Klasse wohl denkbar gewesen, aber jetzt… Nach vielfachem Schulschwänzen, Respektlosigkeiten und Unverschämtheiten gegenüber Fachlehrern, einem Schulausschluss kam es zum Gespräch mit dem Schulsozialarbeiter und die ganzen Hintergründe der Verhaltensänderung wurden auf den Tisch gebracht. Ich selbst,  die ich  wie meine Kollegen vor Jahren der Meinung war, dass der Hauptschulabschluss spätestens jetzt wieder auf wackeligen Beinen stand, versuchte darauf hinzuwirken, dass der Junge in eine Sonderberufsschule wechseln sollte, um Berufsfähigkeit zu erlangen. Die Mutter lehnte ab („Sonderschule ruiniert sein Leben!“). Der Schulsozialarbeiter schloss indessen nach Gesprächen mit der Familie die Sinnhaftigkeit einer Rückkehr zum leiblichen Vater ins Heimatland aus: der Vater war immer noch mittellos und hätte dem Jungen NICHTS zu bieten gehabt – ungeachtet aller Versprechungen. Das Sorgerecht lag bei der Mutter. Ein Erziehungsbeistand vom Jugendamt sollte Abhilfe schaffen, mit dem Jungen eine Lebensperspektive / Ziele erarbeiten und ihn beim Erreichen dieser Ziele unterstützen. Die Mutter lehnte ab, aus Angst, das „Heft aus der Hand genommen zu bekommen“. Die schuleigene Berufsseinstiegsbegleiterin bot sich an, den Jungen zu unterstützen beim Erreichen des Hauptschulabschlusses. Die Mutter lehnte ab – bei Einwilligung hätte sie Daten für die Agentur für Arbeit freigeben müssen.

Ganz knapp schlitterte der Junge in Klasse 8 – es ist unglaublich schwer, im derzeitigen System Hauptschule sitzenzubleiben. Er ist weiterhin aggressiv gegen Fachlehrer. Er schwänzt. Er ist bocklos und resigniert. Am schlimmsten aber ist es, ihm zuzusehen, wenn er sich zusammenreißt und sich fruchtlos Mühe gibt. Ich fühle mich zusehends in der Lage eines Lehrers, der, gezwungen vom System, versuchen muss einem Fisch das Fahrradfahren beizubringen. Der Fisch leidet. Ich auch. Die Mutter, die das Sorgerecht hat, entscheidet, dass es so sein soll.

Gestern ging es um Referatsthemen in diesem Schuljahr. Ja, es gäbe ein Thema, das ihm besonders am Herzen liegt und interessiert – so sagt er das allerdings nicht, so komplizierte Phrasen kennt er nicht, bei ihm hört sich das so an: „Frau M. – ähm. Kann ich, ähm, Dingens, auch Amokläufe machen?“

Lehrerkinder habens auch nicht leicht

Tochter: „Also Mama, du hast da ein Herz im Handschuhfach! Noch dazu ein menschliches Herz! irgendwann werden wir von der Polizei angehalten, und dann?“

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„um… äh ja… Das war so: Denise (13 Jahre, schusselig) hat mir mein Herz gebrochen2.gif

Also war eine Operation am offenen Herzen fällig. Mit etwas Moltofill gings dann wieder. Und nun solls halt wieder zurück…

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Als meine Kinder kleiner waren, waren sie regelmäßig genervt, dass mich in der Stadt häufig fremde Kinder freudig mit „Hallo Frau miez!“ grüßten.

Später wurden sie, wenn sie alleine in der Stadt waren, manchmal mit „Hallo, Tochter von Frau miez!“ (genau SO – weil ihr Name ja nicht bekannt war) gegrüßt – bemerkenswerterweise immer freundlich…

Heute kommen meine jüngeren Schüler zu mir: „Frau miez, ich hab gestern Ihre Tochter in der Stadt gesehen, aber ich hab mich nicht getraut, sie anzusprechen…17.gif

( Die beiden beißen nicht-jedenfalls die Ältere davon4.gif, aber in der Liga 16-19 ist frau dann einfach zu cool und zu „alt“ um einfach so gegrüßt zu werden…)

Mit ihren Freunden ist das so: manchmal passierts, dass meine Töchter im Freundeskreis auf Ex-Schüler von mir treffen. Diejenigen, die mich NICHT im Unterricht hatten, mich also nur von den Fluren und Aufsichten her kennen, kommen eher (trotz Überredungsversuchen) nicht zu uns nach Hause, das ist ihnen etwas suspekt… Ex-Schüler(innen) von mir, die mich „hatten“, kommen dagegen normalerweise gern und vorbehaltlos. Und ich freu mich auch, sie mal wieder zu sehen…

Sexualerziehung – wie denn nun? Teil 2

TEIL 2 – die Großen

> Hat man bei den Kleinen Wert darauf gelegt, dass sie sich selbst und ihre Bedürfnisse wahrnehmen, sich wertschätzen, ihren Körper akzeptieren und Grenzen für andere zu ziehen, KANN Sexualerziehung bei Jugendlichen dann gar keine Erziehung hin zu irgendeiner gewünschten sexuellen Norm-Identität sein, die von außen vorgegeben ist (laut Stängle-Petition: hetero ftw! 39.gif) – damit kann man nur das Leben von Menschen gigantisch verpfuschen.

Was kann und muss denn dann sein?

Geschlechtserziehung ist IMHO nicht Erziehung zu einer sexuellen Ausrichtung, sondern Erziehung zu verantwortungsbewusstem SexualVERHALTEN.

Dabei zählen für mich bei Jugendlichen folgende Prinzipien:

> Gesellschaftlich und ethisch relevant – und somit Thema von Erziehung – ist sexuelles Handeln erst dann, wenn mehr als eine Person daran beteiligt ist. Was einen alleine geil macht und was man dann ALLEINE tut oder lässt – Wayne juckts?

> Sexuelles Handeln an und mit einem Gegenüber bedeutet Übernahme von Verantwortung gegenüber dieser Person – für ihre Gesundheit, ihre Gefühle, ihre Unversehrtheit – so, wie man auch für seinen eigenen Körper (und die eigene Gefühlswelt) verantwortlich ist.

Es fügt immer dann Leid zu (und ist folglich „nicht ok“ bis hin zu strafbar) wenn es nicht auf Augenhöhe (also partnerschaftlich) stattfindet, sondern wenn einer der „Partner“ nicht gefragt, sondern benutzt (und womöglich noch „weggeworfen“) wird. Das gilt für Pädophilie genauso so wie für Sodomie, auch für Kinderpornographie. Die sexuelle Liebe zwischen zwei mündigen und in ihrer Entscheidung freien Menschen (frei auch im Sinne von „in keinem Abhängigkeitsverhältnis“, z.B. beruflich oder finanziell), die sich zueinander hingezogen fühlen, ist dagegen im Idealfall ein „Sich gegenseitig beschenken“ – für mich nicht ersichtlich, wie dieser Tatbestand irgend jemandem schaden und damit strafbar sein sollte, wenn es sich dabei zufällig um gleichgeschlechtliche, transsexuelle usw… Personen handelt.

 

> Sexuelles Handeln erfordert unbedingtes Vertrauen zueinander, da man sich in hohem Maße körperlich öffnet und preisgibt – was heißt, der Idealfall für sexuelles Handeln ist Sex innerhalb einer partnerschaftlichen, vertrauensvollen, gewachsenen Beziehung. („Dann geh halt zu ner Nutte“ ist ein Konzept, das ich Jugendlichen niemals empfehlen würde, da eine Dimension von Sexualität, nämlich Intimität in ihrer eigentlichen Bedeutung, hier ziemlich ausgeblendet ist, geschweige von der gesellschaftlichen Problematik, die dahintersteckt). 

 

Die in der Petition von Herrn Stängle düster an die Wand gemalten Gefahren von psychischen und Geschlechtskrankheiten betreffen demnach nicht Menschen einer speziellen sexuellen Ausrichtung / Identität, sondern ergeben sich aus riskantem SexualVERHALTEN: 

 

– Egal ob Homo, Hetero oder sonstwie, man muss sich darüber im Klaren sein, dass Promiskuität ein höheres Risiko birgt als eine treue monogame Beziehung.

 

– Sexuelles Handeln, das nicht aus Begehren und Hingabe heraus geschieht, sondern aus Gruppenzwang (bin immer noch bei Jugendlichen!), aus Kompensation von Minderwertigkeitsgefühlen, aus dem Gefühl heraus, einem anderen einen Gefallen tun zu müssen oder ihn damit halten zu wollen, aus dem Gedanken heraus, dass „das erste Mal jetzt sein muss, damit man kein looser ist“, auch aus Aggression heraus, kann alles nicht gesund sein – daher ist es ja schon bei den Kleinen wichtig, dass sie lernen, selbstbewusst zu sich zu stehen: jetzt, eine Nummer größer, IHRE Lust zu erkennen und IHRE Grenzen zu ziehen- nun kommt noch die Dimension des verantwortlichen Handelns gegenüber dem anderen dazu. Das große Ganze dann nennt sich wohl „Beziehungsfähigkeit“.

 

Von der BZgA gibt es übrigens ganz ausgezeichnetes Material für Jugendliche zu „Risiken und Nebenwirkungen“ von unterschiedlichem Sexualverhalten und Tipps zur Vermeidung von „Pannen“ in dieser Hinsicht, die das Thema Homosexualität nicht aussparen, im Gegenteil thematisieren, dass auch bei heterosexuellen Jugendlichen homosexuelle Episoden während der Pubertät ganz natürlich sind und noch nichts über die endgültige sexuelle Ausrichtung aussagen (wusstet ihrs?4.gif Damit ist auch die extreme Homophobie vieler 15+ jährigen erklärt, die selber gerade am „Schwimmen“ und Suchen ihrer eigenen Identität sind). He, alles ganz normal! Und auf was man dann wirklich steht, kristallisiert sich dann schon raus 1.gif.

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Witzig, informativ und gar nicht peinlich (wenn auch hier exklusiv für Heteros) ist auch

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… was im Widerspruch zum Titel über Empfängnisverhütung weit hinausgeht, sondern beginnt mit „Ist meiner groß genug?“ „Die richtige Zeit“ „Der richtige Ort“ – alles, was man als Anfänger halt so brauchen kann…

 

Sexualerziehung – wie denn nun? Teil 1

Bezogen auf meinen vorigen post: Nachdem ich den Eindruck habe, dass die Unterzeichner von Stängles Petition keinen blassen Schimmer haben, wie Sexualerziehung in der Praxis denn überhaupt aussieht / aussehen kann, hier eine kleine Aufklärung über die Aufklärung (vollkommen legal sowohl nach altem Lehrplan als auch nach der geplanten Reform):

TEIL 1 – Bei den „Kleinen“

 

> Nur DIE Themen sind sinnvoll und altersgemäß, nach denen Kinder / Jugendliche auch fragen. Die sind dann aber auch notwendig und wichtig! Kinder künstlich an irgendetwas heranführen zu wollen, was sie noch gar nicht interessiert, ist dagegen eine Überforderung. Allerdings fragen auch kleine Kinder schon ganz schön viel…

 

Beispiel: Schon Kindergartenkinder interessieren sich dafür, wie und wieso Mädchen sich von Jungs unterscheiden, woher sie kommen, warum die Tante einen so dicken Bauch hat, wie das Baby da rein kommt, und wieder raus.

 

Dafür gibt es auch ein paar ganz tolle kindgemäße Bilderbücher, hier ein schräges, aber nettes Beispiel:

 

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Handlung: Mami und Papi haben sich vorgenommen, mit den Kindern über Sexualität zu reden und erzählen ihren Kindern einen Haufen Bockmist (z.B. Mami hat ein Ei gelegt). Dabei machen sie die Rechnung ohne ihre aufgeklärten Kinder, die sich darüber kaputtlachen und ihre Eltern mal so richtig (mit Strichmännchen) aufklären – über die Verschiedenheit der Geschlechter, darüber, wie Mamis und Papis zusammenpassen1.gif (absolut hinreißend), wie das Baby im Bauch wächst usw.

 

Natürlich gibt es auch weniger „verrückte“ Bücher *gidf*

 

Im Kindergartenalter bis hin zu den ersten beiden Grundschuljahren geht es den Kindern dabei hauptsächlich darum, etwas über sich selbst in Erfahrung zu bringen. Dass Menschen, ob klein oder groß, sich liebhaben können, ist ihnen dabei eine naturgegebene Selbstverständlichkeit (wenn sie nicht aus total kranken Verhältnissen kommen) und ob Mädchen Jungs oder Jungs Jungs umarmen juckt sie  nicht großartig – auf dem Fußballplatz umarmen Männer sich schließlich auch. Von Erotik haben die Kinder VON SICH AUS noch keine Idee, und Details in dem Bereich (von Medien oder großen Geschwistern angebracht) überfordern, stoßen ab und befremden – machen vielleicht sogar Angst. Sexualität ist in diesem Alter schon hauptsächlich mit dem „Sich liebhaben“ von „Mamas“ und „Papas“ und „Kinderkriegen“ (nämlich sie selbst!) gekoppelt.

 

Wichtig ist in dem Alter auch, den eigenen Körper annehmen und wertschätzen zu lernen und ihn nicht als Verfügungsmasse für andere begreifen. Dazu gehört erst einmal die bewusste Wahrnehmung: was finde ich schön, was tut mir gut (von der Mama geknuddelt, vom Papa gekitzelt werden…), was fühlt sich nicht so gut an: und wenns nur das feuchte Küsschen von der Tante ist – ICH darf über meinen Körper bestimmen und nein sagen! MEINE Empfindungen stimmen und müssen respektiert werden! Das eigene Empfinden ist unabdingbar für die sexuelle Identitätsfindung, nicht das, was andere meinen, wollen oder tun.

 

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Wal – Sonntag

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Stolz vermelde ich, dass nun vier alteingesessene Mitglieder unseres Familienrudels plus zwei weitere Assoziierte das passende Wal-Alter haben.

Während einer (wie damals bei der Volkszählung unter Quirinius) zum Wählen nochmal in die Stadt seiner Väter reisen musste, machte sich ein weiterer Rudelteil zu viert auf den langen und beschwerlichen Weg ins Wahllokal (so ca. 50 m weiter…). Zu erwähnen ist dabei, dass ein assoziierter Rudeltobi (tja, das sind die Nachteile von Auszug und eigener Wohnung4.gif) dafür tapfer insgesamt 4×96=384 Stufen überwand, bevor es losgehen konnte. Warum?

„Ihr wollt jetzt wählen gehen? – Wartet, ich komm mit, hol nur noch schnell die Unterlagen von meiner Wohnung!“ (96 Stufen hoch, wieder runter)

„Hast du auch an deinen Perso gedacht?“ „Mist!“ (uuuund noch eine Runde…25.gif)

Das letzte Mitglied unseres Rudels wurde kurz vor 6 von auswärts eingesammelt, um dann OHNE Perso und OHNE Wahlunterlagen barfuß ins Wahllokal zu stürmen…

„Geht’s noch? Kann ich noch…?“

Und siehe da, es ging auch so, sie wurde noch nicht mal nach dem Namen gefragt (eh klar), einfach ohne näheres Ansehen ein Häkchen auf der Wählerliste gemacht „persönlich bekannt“…

Tja, es ist halt ein echter Vorteil, wenn man a) auf dem Dorf wohnt und b) einfach oft genug sein Bild in der Presse hatte 1.gif

Was dabei nun rauskommt? Nunja, die Wahl ist geheim, aber den familieninternen Wahlreden vorher läßt sich gesichert entnehmen, dass Kreuzchen an mindestens 8 verschiedenen Stellen gesetzt wurden (bei 6 Wähler/innen mit insgesamt 12 Stimmen). Wie das nun wohl zur Demokratie beiträgt? Schätze mal, bei uns gäbs Verhältnisse wie weiland in Weimar…

Aber egal: Stolzerfüllt blicke ich auf das politische Engagement und den körperlichen Einsatz, der bei manchen dafür nötig war – es war uns allen WICHTIG!

Rechtsanspruch auf Kita-Plätze – ein kinderärztlicher Einwurf

Was mir besonders am Herzen liegt und auch meine persönliche Erfahrung ist, habe ich fett gekennzeichnet. Möglicherweise folgt demnächst ein biographisch nahtlos anknüpfender blog von mir dazu, wie es mit diesen Kindern in der Schule weitergeht… 🙂

 

Ab 1.8. gilt der rechtliche Anspruch auf einen Kita-Platz auch ab dem 1.Lebensjahr (für 3jährige gab es diesen Anspruch bereits seit 1996 – hat auch nichts genützt). Wie wollen die Kommunen das erreichen?
– Anwerbung von ungelerntem Personal?
– Anwerbung von Fachpersonal aus anderen Ländern?
– Aufstockung der Gruppengrößen zu Ungunsten des Betreuungsschlüssels?
– Erhöhung der Kindergartengebühren, um das alles zu bezahlen?
– Bildung eines “Klage”-fonds, um die kommenden Gerichtsverfahren zu bestreiten?
– whatelse …

 

Mir ist das persönlich alles recht egal – die Kinder sind in der Schule, mit dem Nachwuchs wirds wohl erstmal nichts mehr; Aber kinderärztlich treibt mich die Sorge um, dass insbesondere der dritte Punkt zu enormen Problemen in der Entwicklung der Kinder führt.
Bereits in den letzten Jahren hat die Einführung der offenen Gruppen (diskutieren wir erstmal nicht num die pädagogische Wertigkeit dieses Projektes) zur quantitativen Verbesserung der Betreuung (es werden weniger Erzieherinnen gebraucht, als wenn man geschlossene Kleingruppen führt) die katastrophale Wirkung gehabt, das vielen Kindern die Orientierung im Kindergarten verloren ging. Sozial kompetente Kleinkinder mit guter Kontaktaufnahme, die Rampensäue und Hansdampfe, hatten mit all dem kein Problem. Die Verschüchterten, Regressiven, die lieber noch am Rockzipfel der Mutter durch die Kindergartentüre gehen, leiden sehr wohl am hochfrequenten Wechsel der “Bezugserzieherinnen” und der Orientierungslosigkeit in manchen Großraumprojekten. Und die zukünftigen ADSler, die eh unter der Reizüberflutung des Alltags leiden, können sich in offenen Gruppen gar nicht mehr erden, sondern driften von einer (fehlenden) Anregung zur nächsten.

 

Und nun womöglich auch noch für die U3-Kinder? Herr, laß Vernunft walten. Nach einhelliger Meinung aller Experten der frühkindlichen Entwicklung ist ein Stellenschlüssel von 1:3 unabdingbar – es zähle mal jeder selbst in der eigenen Kita und Kindergarten nach. Und berücksichtige nicht nur die Papierform, sondern auch die Realitäten, wenn wieder mal eine Erzieherinnen mit Konjunktivitis, Masern, Burnout Durchfall zu Hause bleibt.

 

Meine eigene retrospektive Befragung bei ADS-Verdacht: Die Inzidenz steigt mit der Betreuungsform und dem schlechteren Personalschlüssel in der Vorschule. Mich nicht falsch verstehen: Ich habe kein Problem damit, wenn Kinder früh in die Fremdbetreuung gehen, weil die Eltern arbeiten gehen müssen, aber es muss qualitativ stimmig sein – der Rechtsanspruch mag zwar Druck auf die Kommunen ausüben, aber die Folgen sind noch gar nicht abzusehen, wenn nur Kindergärten gebaut und Haken mit bunten Bildchen an die Wand geschraubt werden, um neue Plätze zu schaffen, aber kein entsprechendes Personal eingestellt wird.

 

Meine Bildungs-Wunschliste für 7-jährige

Auslöser:

All die Diskussionen über (mangelnde) Allgemeinbildung, überzogene bzw. fehlerhafte Vorstellungen von Frühförderung, „dürfen Kinder noch Kinder sein“, der internationale und der Länderwettbewerb um den besten Nachwuchs (hört sich an als ob es um Kohlköpfe ginge…), Englischkurse ab Mutterleib und so weiter…

Auslöser 2: diese nette Liste (von mir bearbeitet und gekürzt, nach Geschmack gerne ausbaubar…)

Was in den Erfahrungsschatz eines siebenjährigen Kindes gehört / gehören kann

zusammengestellt aus dem Buch „Das Weltwissen der 7-Jährigen“ Autorin: Donata Elschenbroich

  • ein Geschenk verpacken (auch wenns verkrumpelt rauskommt1.gif)
  • ein chinesisches Zeichen schreiben (warum nicht, ist doch toll?)
  • in einen Bach gefallen sein5798376755158703814.jpg
  • ein Sternenbild kennen (NICHT aus einem Buch! Vom Himmel angucken!)
  • zwei Ämter im Haushalt ausführen können (zum Beispiel Tisch decken, Wäsche in den Schrank räumen)
  • eine Nachtwanderung erlebt haben
  • beim Wickeln eines Babys helfen
  • Beeren von einem Busch pflücken
  • ein Lied in einer fremden Sprache singen (Frere Jacques…972805.gif)
  • ein kurzes Gedicht aufsagen
  • beim Kuchenbacken helfen können (mit Teigschlecken!)
  • 5798411575167813144.jpg
  • im Wald gewesen sein
  • mit dem Vater putzen
  • etwas gesät haben
  • ein Musikinstrument ausprobieren
  • ein Selbstporträt gemalt haben
  • 5798370013999761506.jpg
  • ein Rätsel stellen können
  • einem Erwachsenen etwas erklärt haben (JA!)
  • den Geruch eines Pferdes erkennen
  • eine Anekdote über die Großeltern wissen
  • ein Pflaster auf eine Wunde kleben
  • etwas repariert haben
  • einmal durchgeregnet sein
  • eine fremde Sprache identifizieren
  • eine Frucht geschält haben
  • zwei Vogelstimmen unterscheiden (im Garten! nicht digital!)
  • irgendetwas richtig gut können
  • Langeweile gespürt haben
  • gespürt haben, wie Wasser trägt 
  • Flüche kennen (in zwei Sprachen)4.gif
  • … beliebig verlängerbar…

 

Bildung hat nicht nur mir Lesen, Schreiben, Rechnen und Bücherwissen  zu tun, sondern damit, unsere Welt zu kennen, sich darin zurecht zu finden, und sie auch genießen zu können, ihre Möglichkeiten wahrnehmen zu können. Dafür braucht es nie versiegende Neugier und einen wachen Geist…

… und Eltern und Erzieher, die einen Erfahrungen selbst machen lassen und NICHT mit Wortwissen vollstopfen).