Archiv der Kategorie: Lehrerkram

Vom Großversuch „Schule als Hochsicherheitstrakt“

1. Akt

Schusseliger Gast-Sprachenlehrer eines europäischen Partnerstaates verliert den ihm auf Zeit verliehenen Generalschlüssel. Weia, das wird teuer, denn die Schule muss die ganze Schließanlage erneuern lassen… Den satt vierstelligen Betrag zahlt mit etwas Glück die Haftpflicht, so der Aupairkollege denn eine hat. Die Stadt findet das grandios: dann kann man ja endlich auf den neuesten Standard aufrüsten – eine elektronische Schließanlage! Soll ja jetzt ohnehin Standard werden wegen Amok und so, oder?

2. Akt

Supi, die Schließanlage lässt sich programmieren! Der Musikverein darf / kann nur noch zu den Probenzeiten ins Haus, woraufhin die Anzahl mysteriös illegal gemachter Kopien, wegen derer die Lehrer angeranzt wurden (Leute, kopiert doch mal sparsamer und nicht jeden Mist! Was das kostet!) drastisch sinkt. Tja, GEMA heißt eben nicht „gema da rüber und kopier noch was für die neuen Bläser“…

3. Akt

Die Stadt denkt sich daraufhin weiter aus, wenn wann reindürfen soll. Man hat ja so viele Möglichkeiten! Für Lehrer soll die Schule von 7 Uhr bis 17 Uhr an Wochentagen geöffnet sein. Die Lehrer jubeln. Endlich den Nachmittagsunterricht ausfallen lassen und den Ganztagsbetrieb, wenn eine Konferenz ansteht! Elternabende und Eltern-Einzelgespräche nur noch zu ordentlichen Geschäftszeiten! Keine lästige Vorbereitung des Technikunterrichtes / Kochunterrichtes / Chemieunterrichtes mehr am Wochenende! Keine aufwändige Stationenarbeit mit freiem Lernen im Klassenzimmer! Ab jetzt wird, zumindest Montags, nur noch Theorie gepaukt – und ganzwöchig frontal unterrichtet! Schließlich kann man diverse Gefahrstoffe für das Experiment nicht mal von Freitag bis Montag rumstehen lassen, das Holz für Technik konnte ja auch erst am Freitagmittag nach dem Unterricht gekauft werden, und dann ist es ja noch nicht zugesägt. Stationen richten geht auch nur dann, wenn keine Schüler dazwischenstiefeln, also: nicht. Immerhin sind wir Ganztagsschule. Wie jetzt, die „verlässliche Betreuung der Kinder muss für berufstätige Eltern gewährleistet sein und Ausfall „Ganztag“ geht gar nicht? Wie jetzt, vor 17 Uhr haben die Eltern aber keine Zeit und das wäre eine Zumutung? Auf städtischen Ämtern geht das doch auch! Wie jetzt, das Schulprofil mit viel praktischer Arbeit und freiem Lernen darf nicht leiden? So ein Mist aber auch.

Die Stadt mault bei der Schulleitung: Wenn das so ist, dass es bei Lehrern nur mit zeitlich unbegrenztem Zugang geht, hätten wir ja auch beim konventionellen System bleiben können, was ergibt das für einen Sinn? Moment mal – WER wollte nochmal das neue System? Und warum nochmal gleich?

4. Akt

Schauen wir also auf das item Amok. Die niederschwelligsten amokartigen Erfahrungen haben wir bereits gemacht mit Helikoptereltern, die ihr Kind trotz der eindeutigen Aufkleber an den Schultüren „Ab hier kann ich alleine“ ihr Kind bis ins Klassenzimmer verfolgen, ihm den Ranzen auspacken/am Ende wieder einpacken, in den Sachen von Mitschülern schnüffeln (wirklich wahr!) und erst nach mehrfacher Aufforderung der Lehrkraft das Schulgebäude widerwillig verlassen, um sich 20cm hinter der „Schulgrenze“, wo Rauchverbot herrscht, erst einmal eine Kippe anzuzünden. Ab jetzt sollte es also wirklich „wir bleiben draußen!“ für Eltern heißen – wenigstens doch mittags beim Abholen (Sowieso eine komische Unsitte, aber das ist wieder ein Thema für sich). Die Schultüren sind geöffnet bis eine Viertelstunde nach Unterrichtsbeginn, wer dann kommt, muss klingeln und sich der Sekretärin an der Sprechanlage erklären, die ungeheuer begeistert über ihr neues Job-Tool ist und dementsprechend reagiert. Wer Drachen mag…

Die Praxis dazu: eine Klasse ist derzeit wegen Platzmangel in ein anderes Gebäude ausgelagert, muss aber für Kochen, Technik, Chemie… weiterhin in die Fachräume ins Haupthaus. Am Ende der großen Pause ist jeweils wechselnd eine andere Klasse für den „Hofdienst“ zuständig und sichtet den Schulhof noch einmal nach Müll, vergessenen Brotdosen, Mützen usw.  Auch diese Schüler müssen wieder ins Haus kommen – NACH allen anderen, ist ja klar. Die Grundschüler gehen zu unterschiedlichen Zeiten mittags in die Mensa, auch da muss der Rückweg gewährleistet sein. Und zwar während der GANZEN Mittagspause, sonst kann da ja keiner aufs Klo. Lösung: die zusätzliche app „formschöner Holzkeil“, der den Zugang zum Haus außerhalb der Öffnungszeiten ermöglicht, indem er verhindert, dass die Türen zufallen.

Und beim Abholen zu Unterrichtsende?

„Ha, die müssen jetzt draußen bleiben!“ feixt eine Abhol-Oma, die nachmittags gegen Schulende bereits im Haus steht und die anderen Eltern draußen mustert. Ähm – bereits im Haus? Des Rätsels Lösung: die Oma ist nicht nur Oma, sondern auch eine unserer Putzfrauen, da hat sie natürlich einen Chip – und wer mit ihr gut kann (aber nur der!), hat zumindest eine kleine Chance auf das Privileg, auch hineinzudürfen.

Fehlt noch Akt 5:

Bei Befragen des Hausmeisters, was denn nun bei Stromausfall, leeren Batterien oder Softwareproblemen im Zusammenspiel Tür – Chip passiert, konnte der auch nur mit den Achseln zucken.

Ach ja, zum Schluss noch: in unserer Schule wird durchschnittlich ein mal im Jahr, meist völlig sinnlos eingebrochen. Die zwei letzten Male kamen die Einbrecher über einfach verglaste Fenster im EG und im Souterrain. Und die gibts natürlich immer noch…

Weihnachtlich-Interkulturelles

Zustand „nach-Listenschreiben“ zum Weihnachtsmarktstand meiner Klasse:

2 muslimische Mütter helfen beim Adventskranzbinden. darunter die Mutter, deren kleine Tochter vor 2 Jahren an unserem Stand auf- und abhüpfte: „Mama, ich will aber auch was kaufen!“ „Schatz, du weißt doch, wir feiern kein Weihnachten – na gut, wenn sein muss… das Rentier da, das können wir auch ins Fenster stellen“.

2 (andere) muslimische Mütter steuern Weihnachtsplätzchen für den Stand bei, eine davon hat sich eigens angelesen, wie die zu backen gehen.

1 muslimische Mutter (wieder ne andere) hilft beim Eintüten der Plätzchenmengen: „Ich kann nicht backen, in kenn nicht das, wir machen andere, aber ich helfe!“

Damit beteiligen sich über die Hälfte der Muslime an unseren Weihnachtsaktionen

*fig*1.gif

Englischkorrekturen

(so gelesen in Klasse 9…)

Versuche, einen formellen Briefschluss hinzubekommen:

yours facefully

yours freundlyfully

im Laden:

(sage, dass es teuer ist)   wow, the costs are big!

(Es gibt Shirts in verschiedenen Farben)   there are Shirts in difficult colours

(verabschiede dich)            good buy!

und zum Schluss der totale blackout:

This wasing not.

(Das weiß ich nicht.)

Vermischtes aus der Schule: Worte finden & Frühlingsboten

*Gruppe Mädels sich in vor mir aufbaut*

Mädels: “ Ähm Frau M., wegen der Dingens da, wir wüssten da noch was und müssten jetzt noch. Geht das? Weil wegen Marina und Sophie, die sind doch auch bei uns!“

Frau M.: *grinst* „Habt ihr euch eigentlich eben selbst gerade zugehört?“

Mädels: (klagend) „Ja aber, Frau M., Sie wissen doch genau, was wir meinen!“

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background: Das ist eine der schönen Seiten am Hauptschullehrerdasein (und der Grund, warum ich mit keinem Gymnasiallehrer tauschen will): Ich bin 19 Stunden am Stück in MEINER Klasse. So entsteht der Effekt „we are family“, und ich weiß meistens genau, was meine Schüler so umtreibt… Na ja, und sie wissen, dass ichs weiß1.gif. Was sie natürlich nicht der Pflicht enthebt, sich hinreichend genau auszudrücken. 4.gif Für Anlauf 2 geb ich erst mal die Kommis hier zum Raten frei – dann lös ichs auf…

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Sonstiges: Es ist Frühling. Was bedeutet, dass sich meine Jungs in ein allmorgendliches Longboardgeschwader auf dem Weg zur Schule verwandelt haben. Im Klassenzimmer sieht das dann so aus:

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Die Dinger sind nicht billig, weswegen sie die Jungs hüten wie einen Schatz. Kommentar quer aus der Klasse: „Ey Alder, was da jetzt vorne steht, zähl das mal zusammen. Das kostet alles in allem krass vierstellig mittlerweile. Da könntest du dir alles Mögliche davon kaufen, zum Beispiel…ähm… eine Schönheits-OP!“ 45.gif

Notiz im Hirn, immer wieder mal zu erneuern

Ach Frau M., jetzt müssen wir das schon zum zweiten Mal durchmachen, und ich hatte so gehofft, dass es bei Johanna anders sein würde!“ sagt die Mutter im Elterngespräch, was mich stutzen lässt. Zum zweiten Mal?

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Johanna, 14, ist sehr schmal und still, unauffällig im Unterricht bis hin zu Ängstlichkeit. Sie hat ein halbes Jahr gebraucht, um sich einmal selbst zu melden im Unterrichtsgespräch. Aufgerufen, beginnen ihre Sätze meist mit: „Also, ich bin mir nicht sicher, aber…“

Andererseits ist sie durchaus angesehen bei den anderen, kann tolle Hip-Hop moves und stylt sich immer mit großem Bedacht. Attraktivität ist ihr sehr wichtig.

Außer ein bißchen mehr Mut und „aktive Teilnahme am Unterricht“ bleibt für die Lehrer der Klasse an ihr nichts zu wünschen übrig. Hätte man doch nur mehr so angenehm ruhige Schüler!

Da ist aber noch etwas anderes: das Schullandheim hat sie am ersten Abend verlassen müssen, gegen ihren eigenen Willen – sie hatte sich doch so gefreut und schon große Zimmerparty- und Stylingpläne mit den anderen Mädchen gemacht! Morgens waren wir gut gelaunt gefahren, in der Jugendherberge eingezogen und hatten die Umgebung erkundet. Tagsüber wurde „wild“ gevespert. Als das Abendessen nahte, war Johanna übel, ihr war zittrig zumute. Es stellte sich heraus, dass sie schon seit dem Vorabend, also seit 24 Stunden, vor Aufregung nichts gegessen hatte. Ihr Kreislauf war im Eimer, ihr Puls raste. Wir hatten am nächsten Tag eine große Wanderung geplant, die ohne entsprechende energetische „Unterlage“ nicht zu schaffen war. Was sollten wir machen, wenn uns Johanna im Wald zusammenklappte? Wir wollten sie etwas essen sehen.

Die Tränen liefen ihr über die Wangen, während sie bei Tisch mit Gewalt ein halbes Stück Brot im wahrsten Sinne des Wortes herunterwürgte – wenig später kamen die anderen Mädchen mit der Nachricht, dass sie „auf dem Klo gespuckt“ hätte…

Wir ließen sie zum Bedauern aller (auch zu unserem) von den Eltern abholen, die nur die Augen verdrehten mit einem „Schon wieder – wir hatten so gehofft, dass es diesmal anders sein würde…“

Ähnliche Probleme ergaben sich beim Betriebspraktikum, das Johanna nach zwei Tagen abbrach wegen Angstzuständen, Kreislaufproblemen, Zittern… – am Betrieb lag es nicht, die Erwachsenen waren alle sehr nett zu ihr gewesen, hatten ihr vieles gezeigt, erklärt und machen lassen…

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Nun also das Elterngespräch. Wieso zum zweiten Mal? „Frau M. Sie kennen doch noch Johannas großen Bruder Timmy?“ Stimmt, das hatte ich ganz vergessen. Er war nie in meiner Klasse, aber im Fachunterricht habe ich ihn gehabt, 5 Jahre vorher – ein Schüler, den man leicht vergisst, unauffällig und „graue Maus“, genau so schmal und still wie seine Schwester.

Die Mutter erzählt, wie vom damaligen Klasssenlehrer in der 9ten dem Jungen heftig abgeraten wurde, den Realschulabschluss zu machen, den würde er doch nicht schaffen, er solle nach der 9ten abgehen. Dem zum Trotz zog Timmy die 10te mit Erfolg durch – dass er danach nur noch 45 kg wog, das merkte an der Schule keiner. In der darauffolgenden Lehre brach er nach 3 Monaten zusammen und musste erst einmal für ein Vierteljahr in eine Klinik zur Behandlung seiner Versagensängste. Und nun Johanna…

Ich habe lange überlegt, ob ich das bloggen soll, da ein großer Teil dieser Geschichte in vertraulichen Gesprächen offenbar wurde. Ich habe mich dann dafür entschieden (und hoffe, allzu Enthüllendes gut genug verfremdet zu haben), da mir wieder einmal Lehrerwichtiges dadurch ins Bewusstsein gerufen wurde:

Viel zu oft richtet sich unser Augenmerk ganz automatisch auf die Schüler, die nach Aufmerksamkeit schreien, sich in den Vordergrund drängen, auf den Putz hauen, den Unterricht stören. Von ganz alleine werden wir in diese Bahn gelenkt, denn wollen wir ein geregeltes Unterrichtsgeschehen gewährleisten in einem angenehmen sozialen Klima, MÜSSEN wir das tun. Die Nöte dieser „lauten“ Jugendlichen kommen automatisch auf den Tisch. Mit ihren Eltern bleibt man ständig im Gespräch, es „geschieht“ etwas. Ein Kollege von mir meinte einmal zynisch: „Eigentlich kann man Jugendlichen mit sozialen / persönlichen Problemen nur dazu raten, straffällig zu werden – schon kümmert sich eine Vielzahl professioneller Helfer ums sie: Jugendamt, Gerichtshilfe, Psychologen, Resozialisierungspädagogen… Denen, die „mauern“ und versuchen, so unauffällig wie möglich zu bleiben, hilft keiner.“ Auch ich war bei Timmy froh, einen „unkomplizierten“ Schüler zu haben. Der Schulsozialarbeiter konnte sich, von mir darauf angesprochen, noch nicht einmal an sein Gesicht erinnern – logisch, denn er war ja nie „auffällig“ geworden. Dennoch hätte den Lehrern der 10ten das ein oder andere auffallen können – wenn ihr Augenmerk nicht auf vielen tausend anderen Dingen gelegen hätte, liegen hätte müssen.

Johannas und Timmys Eltern haben aufgrund des Vorlaufs Kontakt zu einem Therapeuten und werden sich an ihn wenden. Sie haben bereits bei Timmy vieles dazugelernt im Umgang mit ihren Kindern. Sie sind liebevolle Eltern und haben nichts falsch gemacht – Erziehung ist immer learning by doing, da jeder Mensch einzigartig ist und anders auf die gleichen Situationen reagiert als andere. Johanna und Timmy sind da dünnhäutiger als die meisten – es wäre zu wünschen, dass unsere Gesellschaft auch Menschen annehmen kann, die nicht komplett „abgefuckt“ gegenüber den Zumutungen des Lebens sind. Dann werden die zwei wohl auch ihren Weg machen.

Ach ja, die Notiz: Frau M., schau mal wieder nach deinen „Stillen“!

Was wollten mir diese Schüler sagen?

Habe heute mal wieder korrigiert. Eine Tätigkeit, die ich eigentlich gerne mag, denn es begegnet einem immer wieder ein Panoptikum aus verblüffendem und originellem Formulierungsreichtum… und noch immer kann ich mich wundern, auf wie viele Arten man Dinge falsch schreiben kann. Hier aus meiner Sammlung:

Überschrift: Versuchsproduckttoll

Das ist da, wo im Auge der Seenerf austritt.

Katzen sind Dämmerungstiere, Hunde sind Hellseher.

Es gibt Seugetiere, Vögel, Fische, Lurche und Raptiere.

Der Adler hat Augen mit denen er ranzoomen kann.

Ich darf keine Schnebele werfen.

Werend eine Person spricht mach ich kein Plötzin.

z.B. in Busen ist Rauchen auch verboten.

Nach dem Segen muss ich des Kopf von dene Heizungsrohre fressen, weil man dann die Rohren leichter löten kann.

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Und, auf einem Zettelchen, mir von einem „Immigrantenkind“ zugesteckt:

Gibts in Deutschland irgendwo noch Mienen?

                         Ja         Nein                                  2.gif

Bildungsplan 2015

Ich weiß jetzt endlich, wie man Lauritz zur Ruhe kriegt. Lauritz, den Klassenclown, der zu allem einen Spruch parat hat und nur schwer stillhalten kann.

Egal, neben wem er sitzt -sein Nachbar wird gepeinigt von nie enden wollenden Lauritz’schen Kreativitätsanfällen – ob es nun zum Thema gehört oder nicht…

Bis gestern.

Gestern war der reguläre Nebensitzer krank. Und plötzlich saß Sally neben Lauritz. Die Klasse, sonst immer schnell bei der Hand wenn es um Beschwerden geht (Warum darf die jetzt da, darf ich dann auch…), hielt still. Verdächtig still. Und übte sich in AKTIVEM Übersehen des Sachverhaltes. Okaaaay, denkt Frau m., dann übersehe ich das jetzt auch mal und warte ab, wie es weitergeht. Lauritz indes war ausnahmsweise ziemlich ruhig…

Heute war Lauritznebensitzer wieder gesund. Sally saß wie selbstverständlich immer noch neben Lauritz, der Ex-Nebensitzer wie selbstverständlich ganzwoanders. Dann begannen Schülerpräsentationen zu vorbereiteten Themen. Das ist normalerweise ein gefundenes Fressen für Lauritz. Präsentiert er selbst, wird das eine regelrechte PERFORMANCE. Präsentieren andere, muss Frau m. ihn vorher, währenddessen und nachher gründlich zusammenstutzen wegen (un?)vorhersehbarer unkontrolliert herausbrechender (witziger?) Kommentare, die die Vortragenden aus der Bahn zu bringen drohen.  Nicht so heute.

Die Präsentation begann und Sally neigte ihren Kopf in Zuhörerpose. Neigte ihn weiter, bis er auf der Schulter von Lauritz lag. Um sich dort anzukuscheln. Einfach so. Lauritz saß STILL und gerade, mit runden Augen und traute sich kaum Luft zu holen. Der Rest der Klasse verhielt sich still und schielte ab und zu verstohlen zu der verschmolzenen Lauritsally…8.gif

Frau m. begrüßt die neue Sachlage.1.gif Vielleicht wird sie irgendwann einmal darauf hinweisen, dass verschiedene körperliche Äußerungen besser im Bereich des Privaten aufgehoben sind als in öffentlichen Situationen.9.gif Andererseits, wenn es sich SO positiv auf die Aufmerksamkeit auswirkt… Mal sehen!

Amok

Er ist ein „Eigengewächs“ unserer Schule – so bezeichnet mein Ex-Chef gerne die Schüler, die schon in Klasse 1 bei uns eingeschult wurden und dann in irgendeiner Weise hier unterwegs waren bis in die höheren Klassen.

Sogar seine Mutter war schon Schülerin bei uns gewesen und hatte auch einen ganz ordentlichen Abschluss gemacht. Danach aber hatte sie einen Mann aus ihrem Heimatland geheiratet, der nur sehr wenig Deutsch sprach – so kam es, dass er, der Sohn mit einem sehr geringen Wortschatz und auch sonst defizitären Sprachfertigkeiten mit 6 bei uns eingeschult wurde. Solche Kinder erhalten bei uns zusätzlich individuelle Förderung – ab Klasse 3 wurde jedoch überdeutlich (was sich bisher schlecht einschätzen ließ), dass seine unterdurchschnittlichen Leistungen nicht nur auf sein immer noch schlechtes Deutsch zurückzuführen waren. Er konnte abstrakte Sachverhalte nur schwer erfassen, auch das Erkennen von Zusammenhängen zwischen Dingen fiel ihm nicht leicht. Mit viel Fleiß erreichte er Noten, die seine Klassenkameraden mit links (offline1.gif!) aus dem Ärmel schüttelten. In dieser Zeit war er in der Sonderförderung einer Kooperation mit einer Schule für Lernbehinderte. Er bekam in Einzelbetreuung zusätzliche Hilfen. Die Klassenlehrerin in Klasse 4 versuchte die Mutter in Gesprächen davon zu überzeugen, dass er mit einem Wechsel an die nebenan liegende Förderschule besser aufgehoben wäre: dort wird der gleiche Lernstoff wie bei uns besonders aufbereitet in Klassengrößen von 7 – 9 Schülern vermittelt. Nicht selten passiert es, dass solche Schüler in der 8. oder 9. Klasse zu uns zurückkommen, weil sie nun selbständig genug im Lernen sind, um in einer Klasse mit 26 Schülern den Hauptschulabschluss zu machen und eine Lehrstelle zu bekommen (wir haben an meiner Schule ein besonderes berufliches Förderkonzept).

Die Mutter ging auf diese Vorschläge nicht ein. Sonderschule? So ein Stigma für ihr Kind wäre für sie unerträglich, undenkbar gewesen. Also durfte Sohnemann nach Klasse 4 eine Ehrenrunde drehen. Auch die „neue“ Klassenlehrerin konnte die Mutter nicht von der Idee überzeugen, dass ihr Sohn eigentlich an der falschen Schule sei. Das Konzept der integrativen Förderung (stundenweise Betreuung duch Förderschullehrer) hat allerdings seine Grenzen – so mancher benötigt halt doch etwas MEHR Hilfe…

In der Folge zog die Familie in einen Nachbarort, wo der Junge zur Hauptschule ging. Ein Jahr – dann ging die Familie „zurück“ in das Heimatland des Vaters (und der Mutter, das aber nie ihr eigenes gewesen war, war sie doch in Deutschland geboren und aufgewachsen…) Binnen 2er Jahre war die Familie ruiniert, beide Eltern arbeitslos, ihre Existenzgrundlagen aufgebraucht. Die Frau trennte sich vom Vater des Jungen, kam zurück nach Deutschland und fing von vorne an. In einer zweiten Hauptschule, weiterer Nachbarort, versuchte der Junge erneut sein Glück in der 7ten Klasse – und blieb sitzen. In dieser „Not“ kam die Mutter an ihre alte, also meine Schule, wo ihr Kind ja schon ab der ersten Klasse so gut betreut worden war…: eine Schulbezirksänderung wäre für ihr Kind dringend nötig, die Hauptschule im Nachbarort wäre grob ausländerfeindlich und ihr Kind völlig inadäquat behandelt… und meine Schule hätte ja so ein gutes Förderkonzept…

Mein Chef gab nach. Nun kam der Junge also wieder an die Schule, in der er schon seit der ersten Klasse gewesen war – mit ihm sein kleiner Bruder, in die gleiche Klasse, denn der Bruder war niemals sitzengeblieben.

Da saß er nun, mittlerweile fast 16, in der 7ten Klasse, ein Mann unter 13-14jährigen Kindern, die vor seiner Nase alles besser, schneller und erfolgreicher machten, inclusive sein jüngerer Bruder. Ein halbes Jahr bemühte er sich noch, so gut es ging – bis sich sein Vater aus der „Heimat“ meldete: alles, alles würde er dem Sohn schenken, wenn der zurück zu ihm käme: einen laptop, einen Hund, ein gechilltes Leben… Die Mutter hatte mittlerweile einen neuen Partner, der die Söhne durchaus ernst nahm und versuchte, sie zu erziehen und zu fordern. Da traf nun also der leibliche Vater, der das Blaue vom Himmel herunter versprach, auf einen „Stief“vater, der auch auf die unbequemen Seiten des Lebens hinwies und Leistung einforderte.

Ich wunderte mich indes, wie renitent, unlustig und „null-Bock-mäßig“  der Junge im zweiten Halbjahr plötzlich geworden war. Mit den Leistungen des ersten Halbjahrs wäre die 8te Klasse wohl denkbar gewesen, aber jetzt… Nach vielfachem Schulschwänzen, Respektlosigkeiten und Unverschämtheiten gegenüber Fachlehrern, einem Schulausschluss kam es zum Gespräch mit dem Schulsozialarbeiter und die ganzen Hintergründe der Verhaltensänderung wurden auf den Tisch gebracht. Ich selbst,  die ich  wie meine Kollegen vor Jahren der Meinung war, dass der Hauptschulabschluss spätestens jetzt wieder auf wackeligen Beinen stand, versuchte darauf hinzuwirken, dass der Junge in eine Sonderberufsschule wechseln sollte, um Berufsfähigkeit zu erlangen. Die Mutter lehnte ab („Sonderschule ruiniert sein Leben!“). Der Schulsozialarbeiter schloss indessen nach Gesprächen mit der Familie die Sinnhaftigkeit einer Rückkehr zum leiblichen Vater ins Heimatland aus: der Vater war immer noch mittellos und hätte dem Jungen NICHTS zu bieten gehabt – ungeachtet aller Versprechungen. Das Sorgerecht lag bei der Mutter. Ein Erziehungsbeistand vom Jugendamt sollte Abhilfe schaffen, mit dem Jungen eine Lebensperspektive / Ziele erarbeiten und ihn beim Erreichen dieser Ziele unterstützen. Die Mutter lehnte ab, aus Angst, das „Heft aus der Hand genommen zu bekommen“. Die schuleigene Berufsseinstiegsbegleiterin bot sich an, den Jungen zu unterstützen beim Erreichen des Hauptschulabschlusses. Die Mutter lehnte ab – bei Einwilligung hätte sie Daten für die Agentur für Arbeit freigeben müssen.

Ganz knapp schlitterte der Junge in Klasse 8 – es ist unglaublich schwer, im derzeitigen System Hauptschule sitzenzubleiben. Er ist weiterhin aggressiv gegen Fachlehrer. Er schwänzt. Er ist bocklos und resigniert. Am schlimmsten aber ist es, ihm zuzusehen, wenn er sich zusammenreißt und sich fruchtlos Mühe gibt. Ich fühle mich zusehends in der Lage eines Lehrers, der, gezwungen vom System, versuchen muss einem Fisch das Fahrradfahren beizubringen. Der Fisch leidet. Ich auch. Die Mutter, die das Sorgerecht hat, entscheidet, dass es so sein soll.

Gestern ging es um Referatsthemen in diesem Schuljahr. Ja, es gäbe ein Thema, das ihm besonders am Herzen liegt und interessiert – so sagt er das allerdings nicht, so komplizierte Phrasen kennt er nicht, bei ihm hört sich das so an: „Frau M. – ähm. Kann ich, ähm, Dingens, auch Amokläufe machen?“

Lehrersein – Hey, üb doch einfach mal 10 Berufe auf einmal aus…

Was ich beruflich so alles tu:

Singen und Gitarre spielen. Rückmeldungszettel einsammeln. Eine Kläranlage besichtigen. Den Dreisatz bei proportionalen und umgekehrt proportionalen Zuordnungen erklären. Noch mehr Rückmeldungszettel einsammeln. Aufgeregte Mütter beruhigen. Aushalten, wenn einer 5mal hintereinander den Titelsong der Gummibärenbande singt. Briefe ausgeben, die einen Rückmeldungszettel verlangen. Streit schlichten. Auf youtube gehen. Statistiklisten anlegen. Mir von Siebenjährigen lustige Reime vorlesen lassen.  Fleischkäsweckle verkaufen. Vor facebook warnen. Ins Theater gehen. Schlagballwurfweiten messen. Wunden verpflastern. 36mal lesen, wie sich das Urlaubsverhalten der Deutschen seit 1954 verändert hat. Anhören, wer neuerdings wieder in wen verknallt ist. Den Kreislauf des Wassers erklären. Mit Firmen telefonieren. Eine Reise planen und buchen.

um nur mal einen geringen Teil zu nennen…

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Langweilig ist es jedenfalls nicht… 4.gif

Anlauf nehmen

In 14 Tagen geht die Schule wieder los…

Heute bin ich zum ersten Mal seit Urlaub wieder dort gewesen – Bücher zurückbringen, Material hamstern für das Kommende, Verwaltungskram erledigen, das Chaos in meinem Klassenzimmer besichtigen und erstmal wieder kapitulieren – geräumt wird morgen!

…ist auch sinnvoller so, denn ich treffe auf einen bienengeschäftigen Haufen von Putzfrauen, die zusammen mit dem Hausmeister Parkette wachsen, Böden bohnern… Zu diesem Zweck ist die Hälfte der Zimmer noch komplett ausgeräumt, so dass man im vollgeramschten Flur nur im Slalom vorankommt. Ein Kollege ist am Overheadprojektorreparieren. Wieso Fachpersonal antanzen lassen, wenn da einer Technik unterrichtet? Er wird kurzerhand zum „Medienbeauftragten“ erklärt und hat ab sofort eine Zusatzaufgabe, betreffend alle technischen Geräte. Stundenermäßigung dafür? Nope – das geht doch schnell mal zwischendurch: Beamer an die Decke montieren, OVs warten, Kopiererhänger richten…

Vor der Schule sitzt Birte, Klasse 7, auf der Mauer und lässt die Beine baumeln. „Hi Birte, du weißt schon, dass du 14 Tage zu früh bist?“

Birte verdreht die Augen – genau das gleiche hat ihr der Hausmeister auch schon gesagt. Sie grinst und freut sich, dass es bald wieder los geht – genug mit Ferien!