…wenn wir schon bei „Körperlichkeiten“ sind…

Erziehung ist in den letzten 50 Jahren immer unkörperlicher geworden. Wenn man bedenkt, dass wir eigentlich nur ein besseres Affenrudel sind, frage ich mich, ob das in JEDER Hinsicht so gesund ist.

Während die Veränderung im Fall von Schlägen oder anderen körperlichen Strafen durchaus segensreich war, ist aufgrund des offeneren Umgangs mit Missbrauch (auch das wichtig) ein anderer Bereich in den Fokus gerückt, nämlich der des körperlichen Bedürfnisses nach Nähe und Zuspruch. Diesmal spreche ich von Kindern vor der Pubertät – Jugendliche sind tatsächlich „unberührbar“. In einer Lebensphase, wo man sich des eigenen verändernden Körpers so wenig sicher ist, kann schon ein Blick eine Katastrophe bedeuten – ej, was guckst du? Da sind jedwede Berührungen natürlich tabu.

Das Dogma des körperlosen Umgangs miteinander zur Wahrung von Respekt und Würde hat aber meiner Meinung nach den Umgang von Erwachsenen mit Kindern, zum Teil auch mit Kindern untereinander, im öffentlichen Raum mittlerweile weitgehend pervertiert. Beispiele?

„Raufen“ ist eigentlich absolut normales Welpenverhalten. Vor allem Jungs (aber nicht nur) liefern sich gerne „Spaßkämpfe“, die mit wütenden Schlägereien nichts zu tun haben. In der Schule muss das wegen Unkontrollierbarkeit unterbunden werden. Kluge Sportlehrer haben schon angefangen, kontrolliertes „wrestling“ oder „Ringen“ im Sportunterricht anzubieten – dazu muss man allerdings auch erst mal selbst Bescheid wissen. Die Frage „wie fasse ich den anderen richtig an“ kann im Kindesalter nicht mit „gar nicht“ beantwortet werden, ohne das Körpergefühl für andere und sich selbst zu beeinträchtigen.

Kindergartenkinder und junge Grundschulkinder suchen körperliche Nähe, auch zu den Lehrern und Lehrerinnen. Erstklässler krabbeln mir beim Vorzeigen ihrer Hausi total gedankenverloren auf den Schoß. Im Flur habe ich immer wieder mal Kleine mit dringendem Umarmungsbedürfnis am Bein kleben. Immer muss ich auf die Unangemessenheit dieses Verhaltens hinweisen. „Trösten“ muss natürlich auch körperlos geschehen. Eine beruhigende und ermutigende Hand auf der Schulter – vergesst es. Dabei habe ich noch das Glück, eine Frau zu sein – männliche Kollegen haben ein verdammt größeres Erklärungsproblem, wenn irgendwo irgendwie eine Berührung stattfindet…

Am gravierendsten trifft der Tatbestand, dass für viele Berührungen nicht mehr ohne perverses Kopfkino stattfinden können, die Sportlehrer (und ihre Schüler). Lieber mal beim Turnen eine Übung weglassen, die Hilfestellung erfordert, denn dafür müsste man den Schüler ja anfassen… Schwimmunterricht darf von männlichen Lehrern nur noch gemeinsam mit einer weiblichen Begleitperson stattfinden – umgekehrt interessanterweise nicht, die Schwimmlehrerinnen sind da außen vor. Nichtschwimmende Erstklässlerinnen im Badeanzug ja nicht! unter keinen Umständen! irgendwie anfassen, um ihnen das Schwimmen beizubringen!

Die pervertierten „Berührmichjanicht“ Regeln werden vollends lächerlich in der Judosparte. Da ich die „Anti-Berührungs-Regeln“ der Vereine kenne (sehr ähnlich der der Schulen), bewundere ich den Trainer meiner Tochter heftig. Wenn dem irgendeiner blöd kommen wollte und Anzeige erstatten wegen eines im Judo völlig normalen Handgriffes – ich fürchte, der Kläger würde recht behalten.

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Ach ja, noch ein besonders Sahnestückchen: männliche Erzieher, in unserer „vaterlosen“ Gesellschaft heftig nachgefragt, dürfen Babys in Krabbelgruppen von 0-3 Jahren nicht mehr wickeln. Wirklich! Ich frage mich, was für ein Männerbild das wohl kolportiert.

Mit alldem würde ich nicht so sehr hadern, wenn Kinder immer noch wie früher in großen oder kleinen Geschwistergruppen aufwachsen würden und wenn Kinder nicht ab frühem Alter öffentlich rundum betreut würden – dann könnte sich die Erfüllung des Bedürfnisses nach körperlicher Nähe fraglos zu 100% in den Privatbereich verlagern, mit Geschwistern zum Raufen und Mama und Papa zum Trösten. So aber habe ich manchmal das Gefühl, wir leisten einer staatlich diktierten Hospitalisierung Vorschub und erziehen eine Generation mit echt krankem Körperbewusstsein. Berührungen sind bäh, AUßER es geht um Sex? Geh mir weg!

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2 Gedanken zu „…wenn wir schon bei „Körperlichkeiten“ sind…

  1. Steffi

    Super Blog!
    Hin und wieder gibt es für mich solch einen Moment, wo es fast wieder Normalität gibt – wie hier beim Lesen. (Und ich mich nicht bekloppt fühle ob und in der angeblichen ‚Realität‘.)
    Danke.
    Stefanie

    Antwort

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