Achtung – die Vollmützen kommen!

… so getitelt von der Sueddeutschen heute.

Ja, mit V – nicht mit W vorne.

Und so sieht der neue Trend aus:

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https://www.sueddeutsche.de/stil/mode-achtung-die-vollmuetzen-kommen-1.4182417

Warum hat mich das so spontan komplett abgestoßen?

Ich wurde doch als ständig mittelohrentzündungsgefährdetes Kind auch immer als „Gesamtpaket“ bis über die Ohren eingepackt, wenn es zum Schlittenfahren ging?

Die Zeiten haben sich offensichtlich auch in meinem Kopf geändert. Folgende Gedanken kamen mir in den Sinn:

Der Klimawandel schlägt zu. Also jetzt nicht der temperaturmäßige, sondern der gesellschaftliche. Vermummung wird also jetzt auch modemäßig in, egal, ob draußen lauwarmes Siffwetter herrscht. Ob rechts, links oder muslimisch, alle nehmen sich die DGSVO in vorauseilendem Gehorsam zu Herzen. Gesicht zeigen wird out. Dann müsste man ja zu sich stehen.

Wie oft wäre denn bei uns eine solche Bekleidung wettertechnisch wirklich NÖTIG? Im letzen Winter kann ich mich an genau 2 Tage erinnern, wo ich den Schal auch über Nase und Mund gezogen hatte, weil ein furchtbar scharfer Wind ging. Aufm Dorf. Im Schwarzwald. Aber als Mode? Und Modell 2 (wohl für Männer, wenn man von der Farbigkeit ausgeht?) ist ja wohl komplett absurd als Persiflage auf Batman. Ist das für Erwachsene?

Was mich daran so massiv stört, habe ich in meinem post vor 2 Jahren  mit „religiösem Hintergrund“ schon einmal erläutert, in dem ich erklärt habe, warum ich mit Kopftuch und Hijab bei Frauen wunderbar klarkomme, mit Niqab und Burka dagegen nicht.

https://wordpress.com/post/errollsblog.wordpress.com/709

Jetzt also nochmal das Ganze säkular:

– „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ (Watzlawick) Auch in einer Gruppe wildfremder Menschen – sagen wir mal beim Bäcker (um Christian Lindner und seine Ängste zu bemühen) – geben alle Beteiligten mimische und gestische Signale von sich. War der oder die jetzt vor mir? Hat er oder sie mich überhaupt wahrgenommen oder war das Vordrängeln grob unhöflich? Ist die Mutter mit Kleinkind voll im Stress und will ich sie vorlassen? Diese Form der unwillkürlichen mimischen Kommunikation ist durch sturmhaubenähnliche Kopfbedeckungen absolut eingeschränkt. Daher – und nicht weil ihnen gleich ein Überfall unterstellt wird – setzen Motorradfahrer ihre Sturmhauben ab, wenn sie die Tanke betreten – jedenfalls die höflichen. Das wäre das Minimum, das ich erwarten würde. Und Schalträger ziehen sich spätestens hier das Teil von Nase und Mund runter.

– In der Stadt bei lebhaftem Fußgängerverkehr fände ich diese Mode ebenso unangenehm, aus dem gleichen Grund. Kann man die Mimik der anderen nicht lesen, macht das auf lange Sicht unsicher, dann aggressiv. Punkt. Das ist der Grund (nämlich gewollte Verunsicherung des Gegenübers), warum amerikanische Cops so gerne verspiegelte Brillen tragen. Beweist mir das Gegenteil! Auf dem Land, wenn der Wind um die Ohren pfeift und alle offensichtlich heftig nach Hause streben, ist die Interpretation der Intention des Gegenübers dagegen einfach.

– Warum ich denn dann im internet mein Gesicht nicht zeige? Weil netiquette allenfalls ein Gerücht ist. Hier muss man sich Beleidigungen, persönliche Angriffe und Unterstellungen gefallen lassen, die im real life niemand auch nur wagen würde. Wenn doch, gäbe es dort mannigfache juristische Möglichkeiten. Und live – mit Mimik, Gestik UND Worten, bin ich so schlagfertig (nicht, was ihr jetzt denkt), dass ich bis jetzt jederzeit drauf klarkam, wenn mir jemand unter der Gürtellinie kam. Wenn das Gesichtslose dieser Masken jetzt auch noch im real life mit all seinen Konsequenzen Schule macht, dann suche ich mir einen anderen Planeten egal, wie rosa, süß und wollig die Dinger sind.

Warum mein blog grade ziemlich ruht

Grade entdeckt: diesen Entwurf habe ich vor über einem Jahr geschrieben. Er gilt trotzdem noch weitgehend. Ich hoffe allerdings auf Besserung, hat sich schon einiges getan!

Viel Witziges gibt es seit Herbst nicht zu berichten.

Es gäbe wohl dramatisch-skurrile-genervte-fassungslose Facepalmstories zuhauf, wenn…

ja wenn da nicht die Persönlichkeitsrechte und der Datenschutz vor wären.

Unterrichtsgespräche wie diese habe ich jedenfalls bisher noch nie geführt:

Mrs M Ok, nachdem die Merkmale nun allen klar sind, schreibt ihr den nächsten Bericht mal alleine.

K Darf ich auch einen Bericht über mich schreiben?

Mrs M Tja, da gibts 2 Probleme: Erstens musst du ganz besonders aufpassen, dass da keine Erlebniserzählung draus wird – also keine Gedanken, Gefühle, Unterstellungen, Rede, nur Tatsachen! Und zweitens gibts ja schon den Bericht über dich, in der Zeitung. Den könntest du ja dann einfach abschreiben.

K Nein! Das ist voll falsch, was die Polizei da erzählt hat. Das war ganz anders!

Mrs M okeee… Dann schreib das. Und dann sind wir gespannt.

Yeee. Unterricht hart an der Wirklichkeit meiner Spezialisten….

Langsam wird mir schwindelig vor lauter runden Tischen mit Eltern, Schulsozialarbeit, Schulleitung, Jugendamt, Sonderpädagogen für Erziehungshilfe.

So langsam wird nun (nach einem Dreiviertelschuljahr!) aus einem Haufen äußerst Verhaltensorigineller eine „Klasse“. Es bleibt spannend.

edit was nun da steht, nach einem Jahr später, folgt (hoffentlich)…

Kurzer Einwurf ins politische Tagesgeschehen…

In den meisten Behörden gibt es ja eigentlich schon genug Kreuze.

in Behörden der Bundeswehr

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in Schiffahrtsämtern

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in Verkehrsämtern

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oder, in ökologischerer Funktion:

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Alle vier Jahre aber gehören Kreuze VERPFLICHTEND in alle Behörden, die zum Wahlbüro werden – davon kann es gar nicht genug geben!

 

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Und das hat nichts mit Religion zu tun!

Vom Großversuch „Schule als Hochsicherheitstrakt“

1. Akt

Schusseliger Gast-Sprachenlehrer eines europäischen Partnerstaates verliert den ihm auf Zeit verliehenen Generalschlüssel. Weia, das wird teuer, denn die Schule muss die ganze Schließanlage erneuern lassen… Den satt vierstelligen Betrag zahlt mit etwas Glück die Haftpflicht, so der Aupairkollege denn eine hat. Die Stadt findet das grandios: dann kann man ja endlich auf den neuesten Standard aufrüsten – eine elektronische Schließanlage! Soll ja jetzt ohnehin Standard werden wegen Amok und so, oder?

2. Akt

Supi, die Schließanlage lässt sich programmieren! Der Musikverein darf / kann nur noch zu den Probenzeiten ins Haus, woraufhin die Anzahl mysteriös illegal gemachter Kopien, wegen derer die Lehrer angeranzt wurden (Leute, kopiert doch mal sparsamer und nicht jeden Mist! Was das kostet!) drastisch sinkt. Tja, GEMA heißt eben nicht „gema da rüber und kopier noch was für die neuen Bläser“…

3. Akt

Die Stadt denkt sich daraufhin weiter aus, wenn wann reindürfen soll. Man hat ja so viele Möglichkeiten! Für Lehrer soll die Schule von 7 Uhr bis 17 Uhr an Wochentagen geöffnet sein. Die Lehrer jubeln. Endlich den Nachmittagsunterricht ausfallen lassen und den Ganztagsbetrieb, wenn eine Konferenz ansteht! Elternabende und Eltern-Einzelgespräche nur noch zu ordentlichen Geschäftszeiten! Keine lästige Vorbereitung des Technikunterrichtes / Kochunterrichtes / Chemieunterrichtes mehr am Wochenende! Keine aufwändige Stationenarbeit mit freiem Lernen im Klassenzimmer! Ab jetzt wird, zumindest Montags, nur noch Theorie gepaukt – und ganzwöchig frontal unterrichtet! Schließlich kann man diverse Gefahrstoffe für das Experiment nicht mal von Freitag bis Montag rumstehen lassen, das Holz für Technik konnte ja auch erst am Freitagmittag nach dem Unterricht gekauft werden, und dann ist es ja noch nicht zugesägt. Stationen richten geht auch nur dann, wenn keine Schüler dazwischenstiefeln, also: nicht. Immerhin sind wir Ganztagsschule. Wie jetzt, die „verlässliche Betreuung der Kinder muss für berufstätige Eltern gewährleistet sein und Ausfall „Ganztag“ geht gar nicht? Wie jetzt, vor 17 Uhr haben die Eltern aber keine Zeit und das wäre eine Zumutung? Auf städtischen Ämtern geht das doch auch! Wie jetzt, das Schulprofil mit viel praktischer Arbeit und freiem Lernen darf nicht leiden? So ein Mist aber auch.

Die Stadt mault bei der Schulleitung: Wenn das so ist, dass es bei Lehrern nur mit zeitlich unbegrenztem Zugang geht, hätten wir ja auch beim konventionellen System bleiben können, was ergibt das für einen Sinn? Moment mal – WER wollte nochmal das neue System? Und warum nochmal gleich?

4. Akt

Schauen wir also auf das item Amok. Die niederschwelligsten amokartigen Erfahrungen haben wir bereits gemacht mit Helikoptereltern, die ihr Kind trotz der eindeutigen Aufkleber an den Schultüren „Ab hier kann ich alleine“ ihr Kind bis ins Klassenzimmer verfolgen, ihm den Ranzen auspacken/am Ende wieder einpacken, in den Sachen von Mitschülern schnüffeln (wirklich wahr!) und erst nach mehrfacher Aufforderung der Lehrkraft das Schulgebäude widerwillig verlassen, um sich 20cm hinter der „Schulgrenze“, wo Rauchverbot herrscht, erst einmal eine Kippe anzuzünden. Ab jetzt sollte es also wirklich „wir bleiben draußen!“ für Eltern heißen – wenigstens doch mittags beim Abholen (Sowieso eine komische Unsitte, aber das ist wieder ein Thema für sich). Die Schultüren sind geöffnet bis eine Viertelstunde nach Unterrichtsbeginn, wer dann kommt, muss klingeln und sich der Sekretärin an der Sprechanlage erklären, die ungeheuer begeistert über ihr neues Job-Tool ist und dementsprechend reagiert. Wer Drachen mag…

Die Praxis dazu: eine Klasse ist derzeit wegen Platzmangel in ein anderes Gebäude ausgelagert, muss aber für Kochen, Technik, Chemie… weiterhin in die Fachräume ins Haupthaus. Am Ende der großen Pause ist jeweils wechselnd eine andere Klasse für den „Hofdienst“ zuständig und sichtet den Schulhof noch einmal nach Müll, vergessenen Brotdosen, Mützen usw.  Auch diese Schüler müssen wieder ins Haus kommen – NACH allen anderen, ist ja klar. Die Grundschüler gehen zu unterschiedlichen Zeiten mittags in die Mensa, auch da muss der Rückweg gewährleistet sein. Und zwar während der GANZEN Mittagspause, sonst kann da ja keiner aufs Klo. Lösung: die zusätzliche app „formschöner Holzkeil“, der den Zugang zum Haus außerhalb der Öffnungszeiten ermöglicht, indem er verhindert, dass die Türen zufallen.

Und beim Abholen zu Unterrichtsende?

„Ha, die müssen jetzt draußen bleiben!“ feixt eine Abhol-Oma, die nachmittags gegen Schulende bereits im Haus steht und die anderen Eltern draußen mustert. Ähm – bereits im Haus? Des Rätsels Lösung: die Oma ist nicht nur Oma, sondern auch eine unserer Putzfrauen, da hat sie natürlich einen Chip – und wer mit ihr gut kann (aber nur der!), hat zumindest eine kleine Chance auf das Privileg, auch hineinzudürfen.

Fehlt noch Akt 5:

Bei Befragen des Hausmeisters, was denn nun bei Stromausfall, leeren Batterien oder Softwareproblemen im Zusammenspiel Tür – Chip passiert, konnte der auch nur mit den Achseln zucken.

Ach ja, zum Schluss noch: in unserer Schule wird durchschnittlich ein mal im Jahr, meist völlig sinnlos eingebrochen. Die zwei letzten Male kamen die Einbrecher über einfach verglaste Fenster im EG und im Souterrain. Und die gibts natürlich immer noch…

Korrekturen – Elektro Basics und Co…

Arbeiten korrigiert und wieder mal ganz neue Erkenntnisse gewonnen.

Zunächst mal: wenn man sich mit Elektrizität befasst, wird man offensichtlich ziemlich alt, denn:

Bei der Parallelschaltung gibt es zwei Stromgreise.

Nicht- deutschstämmige Schüler wiederum argwöhnen hinduistische Wurzeln bei uns, denn:

Das ist eine Sicherungskaste.

Andere haben womöglich zu viele Krimis geschaut und bauen Inhalte aus polizeilichen Verhören ein 16.gif:

Jedes Gerät wirkt als Widerstand und sorgt dafür, dass die Stromstärke singt!

… natürlich nur, wenn das Gerät ein „bad“ cop ist, klar!

Das Folgende jedoch gab mir zu denken:

Die Maßeinheit der Stromstärke ist Aupair.

Ok? Aber wie viele Au pairs braucht man denn nun, um so richtig unter Strom zu kommen? Und spielt es eine Rolle, aus welchem Land sie sind? Fragen über Fragen..

Zuletzt noch ein Schmankerl vom Mikroskopieren, das mich zum Grinsen brachte:

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…im Original, sonst glaubts mir ja doch keiner 4.gif

Erwachsen werden

Ok, ich werde erst wieder in knapp 2 Jahren eine Abschlussrede halten müssen. Dennoch kommt mir bei dieser Klasse (Marke „Hempels unter dem Sofa“) schon heute ab und zu in den Sinn:  Was willst du denen eigentlich sagen? Was könnte wichtig werden für sie? Dazu erste Gedanken hier als „Notizblock“ – mal sehen, was sich in anderthalb Jahren noch entwickelt 🙂

Der Anfang:

die Welt – ein Karussell

schön bunt

alles dreht sich um DICH

bis du bemerkst:

du wirst gedreht

von den Rotoren deiner Helikoptereltern

von Institutionen

und gesellschaftlichen Zwängen

du willst anhalten

aussteigen

die Welt erfahren, wie sie wirklich ist

Du wirst zum Sand im Getriebe

bremst

steigst aus

verweigerst

und du stellst fest:

Du bist nicht der Mittelpunkt.

Du bist nicht der Nabel der Welt

Nichts dreht sich um dich

du bist nicht wichtig, nicht für die Welt

die Welt, sie IST einfach

niemand braucht dich

niemand hat auf dich gewartet

niemand dreht dich

Stillstand

Nun ist es an dir.

Gibst du auf

und lässt dich wieder von anderen drehen

von Institutionen

von Zwängen

der Gesellschaft

oder nimmst du es selbst in die Hand:

Beginnst du selbst, deine Welt zu bewegen,

dann wird sie sich wieder drehen,

diesmal in Wahrheit um dein Ich,

so wie du es selbst bestimmst.

Der Preis dafür ist Arbeit.

Niemand wird sie für dich übernehmen

und wenn doch,

dann werden wieder andere bestimmen

worum es sich bei dir eigentlich drehen soll

Saubande, pubertierende oder: der alltägliche Wahnsinn

Melina ist nach dem Vormittagsunterricht nicht mehr erschienen – der Nachmittagsunterricht findet ohne sie statt. Keiner weiß was.

Mrs M: Hat es in der 5. /6. Stunde Sport irgendein Problem gegeben?* Hat sie irgendwie gesagt ihr wäre schlecht oder so?

(*das wäre nicht neu: Zickenkrieg vom Feinsten beim Parcours durch die Halle – das hat was…)

Asli: Nö, der gings gut. Die ist nur die ganze Zeit durch die Halle gerannt und hat „Penis“ geschrien.

Stimme aus dem off: Na kein Wunder, dass sie dann nachmittags nicht mehr „gekommen“ ist. Muha.

 

Meanwhile: Nermal (13) kommt 7 Minuten zu spät zum Nachmittagsunterricht. Er ist blass um die Nase und jammert: Mrs M, ich hab so Bauchweh… dann muss er aufs Klo.

Gespräch im Lehrerzimmer nach dem Nachmittagsunterricht: Ach Mrs M, wenn ich dich grad sehe – der Nermal, der gehört doch zu dir? (Äh, ja?) Den hab ich in der Mittagspause im Park gesehen, mit 2 Neunern, da hat der geraucht. Also der Nermal. Wollte wohl den Größeren imponieren.

Ach DAHER… Jetzt wird mir einiges klar…

Produktentdeckung

Wir machen Waffeln. Unsere Flüchtlingsmädels können noch recht schlecht deutsch, aber die Zutaten aus dem Rezept und dann von den Packungen abzulesen, das geht. Butter, Zucker, Eier, Mehl, Milch (ah, der feine Unterschied zwischen Mehl und Milch in der Aussprache! und dann isses was ganz anderes! )
Wir haben nicht genug Rührgeräte und ein Mädel rührt schlapp und fromm in einem Teig herum, der das mit Klumpigkeit quittiert.
Mrs M: Du hast da alles schon drin?
*Mädel nickt*
Mrs M: Gut, dann fehlt jetzt nur noch etwas Aggression.
*Mädel runzelt die Stirn und geht zu den Packungen, im die Tüte mit Aggression zu suchen*
Mrs M: Hä? Nein! *nimmt den Schneebesen und beginnt den Teig mit “Schmackes“ zu schlagen*
Mädel: ah! *strahlt* nimmt den Schneebesen und fährt fort…

 NEU! AGGRESSION! Effektiv gegen klumpenden Teig – mit superpower! 

Gespräch am Frühstücktisch, erster Advent

Mrs. M: „Eine Mutter hat sich mit meiner Kunstkollegin angelegt, weil die mit ihrer sechsten Klasse anlässlich Advent in eine Engelsausstellung gehen wollte und anschließend Engel malen lassen wollte. Kein Kitsch oder so, sondern ziemlich abstrakt und symbolhaft – dennoch. Religiöse Splittergruppe, weißte? „Nur Gott allein, Fantasiezeug ist verboten“.“

Männe: „Ach. Ok, dann soll sie doch stattdessen Kalaschnikows malen lassen. Zermetzelte Leichen. Oder Panzer?“

Mrs. M: „Stimmt. Das ginge, denn die gibt’s ja wirklich.“

Männe: „Oder Penisse.“

Mrs. M: „Gott bewahre!“ 13.gif *

Männe: „Aber die gibts auch wirklich! Ich hab selbst einen, nur mal zum Beispiel!“ 4.gif

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*funfact für Nicht – insider: etwa ab der 6. Klasse kämpfen Lehrer vergeblich dagegen, dass auf geisterhafte Art und Weise Peniszeichnungen von Schülern überall quasi von alleine auftauchen: auf Rändern von Heften (so ganz gedankenverloren…), auf Wänden, auf Pulten, auf Toilettentüren… das nennt man wohl Pubertät.

Wer tut eigentlich mal was gegen die sexuelle Reizüberflutung der armen Pädagogen durch die Schüler?

Lehrer sind keine Erzieher (Warnhinweis: ein rant)

Vorgeschichte – dieser post in einer Diskussion:

Der Lehrkörper nimmt für sich in Anspruch, Profi in Sachen „Erziehung“ zu sein. Und die Mitglieder in der Verlosung kassieren ein Schweinegeld…

Sie kommen sich fürchterbar wichtig vor, sind natürlich ausgebrannt und unterbezahlt, komplett überarbeitet  und haben null Freude am Job. Komisch, dass diese Beschreibung genau auf die komplett überforderte und inkompetente Hälfte zutrifft…

Falsch. Lehrer sind Experten in Sachen Bildung (bzw sollten es sein, wenn sie kompetent sind), nicht in Sachen Erziehung. Nicht umsonst gibt es daneben das Berufsbild des Erziehers / Sozialpädagogen. Lehrer sind, um ihren Beruf angemessen ausüben zu können, darauf angewiesen, wenigstens in Teilen erzogene Kinder vorzufinden.

Ja, Lehrer erziehen AUCH – aber Fachleute für Erziehung sind sie definitv NICHT. Gymnasiallehrer „dilettieren“ komplett – bei anderen Sekundarlehrern und Grundschullehrern sind wenigstens einige basics überflugartig in der Ausbildung mit drin. Erziehung in der Schule ist wieder ein anderes Feld als Methodik und Didaktik, wo es eher darum geht, Inhalte entwicklungspsychologisch angemessen und motivierend an den Schüler zu bringen. (merke: man kann gleichzeitig hochmotiviert und total unerzogen sein.)

Im Feld „Erziehung“ geht es eher um Inhalte wie: Wie gehe ich angemessen mit Mitschülern und erwachsenen Respektspersonen um? Wie strukturiere ich meine Aufgaben? Wie komme ich in einem Lernteam klar? Wie gehe ich mit meinen (und fremden ) Materialien um? Was sind grundlegende Höflichkeitsformen? Wie strukturiere ich mich selbst (Pünktlichkeit, (klingt lächerlich, aber ja:) Toilettengänge, „bei der Sache bleiben“ usw.

Diese „Inhalte“ sind natürlich altersgemäß unterschiedlich einforderbar. Von einem Fünftklässler kann ich mehr erwarten als von einem Erstklässler, der erst am Beginn des Prozesses steht, das alles auf die Reihe zu kriegen. Dass dann wieder ab der Pubertät einiges davon NICHT mehr funktioniert, ist auch normal.

Die Frage ist für mich, wie viel Zeit ich als Lehrer zum „Training“ dieser basics aufwenden muss und wie viel Zeit mir dann noch bleibt für meinen eigentlichen Kernauftrag, die Bildung und das (motivierende) Vermitteln von Inhalten.

Eine Verwandte von mir war Lehrerin im „desaströsen“ Nordrhein-Westfalen, Hauptschule. Sie berichtete mir, sie seien an einen Punkt gekommen, wo die Schule festlegte: mit dem Unterricht wird erst dann begonnen, wenn die Schüler zu Beginn eines Schuljahres dazu in der Lage seien. Will meinen: Die Schüler sind pünktlich da – Hefte und Stifte sind vorhanden – grundlegende Verhaltensnormen sind geklärt (eine Kultur des Zuhörens, keine Tätlichkeiten.) Das hat dann schon mal 3 Wochen „Erziehungstraining“ gebraucht, meinte sie.

So schlimm ist es hier bei uns noch nicht. Ich habe eine Stunde „Klassenrat“ pro Woche – keine Extrastunde, sondern herausgeschwitzt aus dem Pool, der für Deutsch, Mathe Englisch vorgesehen war. Das hat sich als nötig erwiesen als Grundlage dafür, dass alle anderen Fächer überhaupt sinnvoll stattfinden KÖNNEN. Darin werden Konflikte zwischen den Schülern, zwischen Schülern und Lehrern sowie Sorgen und Nöte (auch private) geklärt, damit alle den Kopf erst mal frei bekommen für Inhaltliches.

Darüber hinaus kommt es trotzdem (diese Woche zuletzt^^) vor, dass eine komplette (in dem Fall Englisch)stunde wegfällt, weil die halbe Klasse völlig außer sich aus der Hofpause zurückkommt und ein Konflikt geklärt werden muss.

Als Lehrer hat man die Wahl (und ist in JEDEM Fall Vorhaltungen der Eltern ausgesetzt):

– versucht man seinen „Stoff“ durchzuziehen, gärt und schwelt der Konflikt unterschwellig weiter. Die Schülermotivation ist ohnehin am Ende, weil die Gehirne  etwas komplett anderes beschäftigt, schlimmstenfalls kommt es zur Konfrontation – irgendwo will die aus der Pause mitgebrachte Schülerwut schließlich raus! Elternvorwurf: Man geht nicht auf die Schüler ein, wird ihnen nicht gerecht, man versucht autoritär sein Ding durchzudrücken.

– opfert man die Stunde zur Konfliktlösung, gerät der „Stoff“ ins Hintertreffen. Elternvorwurf: Was macht man eigentlich die ganze Zeit für Gesprächstherapiekreise? Haben ihre Kinder nicht ein Recht auf Bildung?

Da ähnliche Situationen immer mehr überhand nehmen, hat meine Schule (und da ist sie gegenüber anderen deutlich im Vorteil) einen Schulsozialarbeiter und pädagogische Assistenten (sic: fachlich ausgebildete ERZIEHUNGSpersonen), die Schüler, die gerade nicht „funktionieren“, aus dem Unterricht nehmen können und getrennt davon Dinge klären können.

Diesen Vorteil hat allerdings nicht jede Schule – und ja, Lehrer sind mittlerweile mit der Fülle und dem Niveau der Erziehungsaufgaben überfordert, die auf sie mehr und mehr zukommen, für die sie nicht ausgebildet sind und die sie neben ihrer eigentlichen Aufgabe leisten sollen.

Auf diese Tatsache reagieren Lehrer verschieden: die einen ziehen sich zurück auf ihre Kernaufgabe der Bildung, der „Rest“ geht sie nichts an, notfalls ziehen sie ihr Ding mit struktureller Gewalt durch – Resultat: einige Schüler mit guter Schulbildung, der Rest gemobbte Wracks oder Amoklaufüberleger. Die anderen Lehrer ackern hoffnungslos im Spagat zwischen Bildung und „Erziehung extreme“ bis zum (bei Lehrern überdurchschnittlich häufigen) burnout – Resultat… wenn ich das wüsste? Viel zu wenige Lehrer schließlich geben zu, dass Hilfe nötig ist, und zwar FACHLICHE von Erziehungsprofis, da es tatsächlich so ist, dass die Eltern IHRE Kernaufgabe der Erziehung gerne an die Schule abgeben, die dafür eigentlich nur im Rahmen einer „Erziehungspartnerschaft“ da ist, Hand in Hand mit Eltern. Interessieren sich die Eltern einen Kehricht für schulische Belange, sorgen nicht für die nötigsten Materialien, ziehen daheim über die Lehrer IHRER Schulzeit her, nehmen das System nicht ernst, schicken ihr Kind nicht pünktlich und haben für alles eine Entschuldigung, sorgen nicht einmal für passende Kleidung ( jetzt wirds grad wieder Winter und wir haben frierende T Shirtkinder ohne passende Winterjacke hier), gehen dafür gerne mal ein paar Tage früher in Urlaub „weil in den letzten Schultagen passiert ja eh nichts mehr“, dann stehen wir auf verlorenem Posten. Wie sollten diese Kinder denn die Schule wahrnehmen wenn nicht als lästige nutzlose Unterbrechung der Zockerzeit zuhause?

KOMPETENTE Lehrer nehmen übrigens auch gerne SACHLICHE Kritik von Eltern entgegen. Anmerkungen wie „Sie geben zu viele Hausaufgaben“ oder „Mein Sohn hat Probleme, Ihre Tafelanschriebe zu lesen“ können durchaus hilfreich sein, wenn man sich als Eltern vorher informiert hat.

Ich erkenne übrigens Kinder mit nicht funktionierenden Eltern meist daran, dass sie mir überdurchschnittlich viel zu erzählen haben; auch Familieninterna sowie äußerst Intimes (ich leite mittags auch den Schülerimbiss – was man da so alles erfährt…) Von außen besehen: schön, dass ein Vertrauensverhältnis besteht – – – oft denke ich aber: haben die keine Mutter, keinen Vater oder wen auch immer, der ihnen einfach mal zuhört? DAS ist eigentlich nicht mein Job. Meinen eigenen Kindern wäre es im Traum nicht eingefallen, ihr ganzes Leben breit vor den Lehrern auszuwalzen. Dafür ist doch Familie da? Sollte wenigstens?

Erstaunlich auch die (auch bei Kollegen oft vorkommenden) gut einstündigen Elterngespräche, die sich auch gerne mal gar nicht mehr um das Kind drehen, sondern zu Lebensberatung werden – ist das noch der Lehrerjob?

Als ich einer Psychiaterin einmal vor meinem ganzen Arbeitssetting erzählte, lachte sie mich aus und meinte, eigentlich täte ich z.T. das Gleiche wie sie – nur eben wesentlich schlechter bezahlt…