„Er ist leider an falsche Freunde geraten“

Was bisher geschah: Justin* hat es sage und schreibe geschafft, DREIMAL die achte Klasse zu „machen“. Auch beim dritten Mal wäre er laut Zeugnis nicht versetzt worden. Jetzt ist er überaltert und geht – ohne IRGENDEINEN Schulabschluss –  in irgendwelche berufseingliedernde Maßnahmen (ein Euphemismus…). Blöd ist er nicht, nur… siehe Titel! Das ist jedenfalls der Satz, den man von seinen Eltern nun seit der 5. Klasse (die ja nun 6 Jahre her ist) in Dauerschleife zu hören kriegt – dumm nur, wenn man die „falschen Freunde“ ebenfalls seit Jahren kennt und DIE nun erfolgreich in Ausbildung, Gymnasium, FSJ, oderoderoder sind…

Mal ehrlich: ich kanns nicht mehr hören!

Sorry, „Er ist leider an die falschen Freunde geraten“ gehört für mich spätestens seitdem in die Auswahl der dümmsten Ausreden, die man als Eltern so finden kann. Warum mir da immer öfter die Galle hochkommt?

1… wird damit die Verantwortung für das EIGENE Handeln des EIGENEN Sprösslings komplett abgebogen. Wenn etwas schiefgeht, sind im Zweifelsfall immer die anderen schuld. Das enthält allerdings auch das Eingeständnis der Eltern, dass sie ihrem Kind nicht zutrauen, etwas alleine aus eigenem Antrieb zu tun oder zu schaffen (egal ob es jetzt beim „Blödsinntreiben“ oder beim Lernen ist). Möglicherweise glaubt das Kind genau deshalb vielleicht, es müsste anderen hinterherdackeln – unterschwellig haben die Eltern das ja gefördert…

2. werden potentielle Freunde gleich in verschiedene Menschensorten unterteilt, die einen, die es wert sind, mit dem Kind befreundet zu sein, die anderen, die nicht gut genug sind. Die einen, neben denen der eigene Sohn in der Schule sitzen SOLLTE, die anderen, die – um Gottes Willen!- möglichst weit von ihm ferngehalten werden müssen, denn DIE sind ja die Anstifter zu allem Bösen. Was für eine Förderung von Arroganz und Überheblichkeit! Merkwürdig nur die unterschiedlichen Schullaufbahnen – im Nachhinein besehen…- irgendwann hatten die anderen halt keine Lust mehr auf JUSTINS Blödsinn und Schlamperei…

3. Wann fragen solche Eltern je mal „Tut MEIN Kind anderen gut? Ist MEIN Kind denn für die anderen ein guter Freund?“ Vielleicht sollte man seine Kinder mal daraufhin anschauen, statt immer nur Freunde einzufordern / zu akzeptieren, die das eigene Kind „voranbringen“ können?

4. Ich stelle mir vor, dass notorische „Mitmacher“, die sich von anderen in ungute Dinge hineinziehen lassen (oder von sich aus „Mist bauen“ müssen um sich anerkannt zu fühlen), oft Jugendliche ohne Gefühl für den eigenen Wert sind und damit ohne Gefühl für das, was ihnen guttut oder schlecht bekommt. Mit einer Grundausrüstung von „Ich habe es nicht nötig, anderen etwas zu beweisen“ „Ich entscheide selbst, was mir wichtig ist und was ich tue oder lasse“ und „Ich bin nicht auf das Wohlwollen anderer angewiesen, denn ich habe einen Ort, an dem ich ohne Wenn und Aber IMMER ein offenes Ohr und Rückhalt finden werde“ halte ich es für schwer, überredbar zu sein zum „Mist bauen“. (NB ist das so gesehen ein gutes Zeichen, wenn in jedem zweiten 16-Jährigen blog steht „ich bin anders als die anderen“ – jedenfalls eine wichtige Entdeckung von eigenem Wert und Selbst-Bewusstsein und weg vom „Mitmachen Müssen!“)

5. Wer ein Ziel hat, wird mit wesentlich geringerer Wahrscheinlichkeit „Mist bauen“ . Wenn man weiß, was man will und wohin man will, nimmt man vielleicht auch langweilige und unattraktive Dinge wie Schule, „malochen“, sich zum einsundleipzigsten Mal Bewerben in Kauf… und hier kommt meine einzige Einschränkung im Geschimpfe: Lebensziele zu finden ist verdammt schwer und kann einen auch schon mal auf Ab- Um- oder Nebenwege bringen – aber dann ANDERE dafür verantwortlich machen? Geht gar nicht!

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