Heimkommen

ursprünglich verfasst im Juni 2012, als wir noch zu siebt waren…

Irgendwie komme ich immer mehr zu der Überzeugung, dass der Mensch doch als Rudeltier gedacht war und so am seelenpfleglichsten lebt…

Obwohl ich auch gerne mal einsam und alleine mit mir selbst bin, empfand ich es – besonders während meiner Studienzeit (lange her, aber dort am deutlichsten) immer als krasses Loch, von einer „Rudelveranstaltung“ oder „Rudelreise“ zurückzukommen und daheim auf gähnende Leere zu stoßen – was auch in einer WG mal vorkommen kann, schließlich hat ja jeder sein eigenes Leben.

Mit eigener Familie, besonders mit kleinen Kindern, lernte ich die Einsamkeit, das „alleine mit mir selbst sein dürfen“ erst recht zu schätzen und baggerte mir mit Absicht (sonst wäre es nie dazu gekommen) Zeit-Zonen frei, in denen ich „mich selbst haben“ durfte und keiner etwas von mir wollte – genussvoll! 

Nun aber leben wir seit einer Weile in einer Situation, die irgendwie schon einem kleinen Menschenaffen – Rudel gleicht. Meine Große brachte aus der Schule mit (Gemeinschaftskunde / Wirtschaftslehre): „In der vorindustriellen Situation des 19. Jahrhunderts wurde Familie als das Konstrukt der Personen definiert, die in einem Haushalt lebten, seien es Blutsverwandte, Eingeheiratete, Knechte oder Mägde – das umfasste im Schnitt 7 Personen.“

Jep – wir sind definitiv vorindustriell (bis auf die Tatsache, dass keiner von uns – oder alle, je nachdem – Knecht oder Magd ist), und das tut irgendwie gut…

Gestern kam nun meine Jüngste aus Frankreich zurück und he, auch in einem größeren Rudel hinterlässt jede Person weniger ein ziemliches Loch. Das ganze Gefüge gerät erst einmal ins Wanken und Knirschen… Mein Mann kann ganz schön quengelig werden, wenn nicht genug Leute zum Essen da sind, kleine Mengen kochen kann er gar nicht. Jedenfalls kam sie zurück, um sogleich festzustellen, wie sie doch unser ganzes Chaos vermisst hätte, und um zeitgleich divers geknuddelt und in ein Welpengeraufe verwickelt zu werden.

Weils Freitag war, ließ auch das „erweiterte Rudel“ nicht lange auf sich warten, und so saß sie in kürzester Zeit inmitten der üblichen 8 unterhaltsamen Mitmenschen bis es genug war – und sie in ihrem Zimmer „sich selbst alleine haben“ ging.

Sogar mein Großer, der gerne mal einen auf einsamer Wolf macht, ist das Rudel wichtig; wenn er heimkommt, ist seine erste Frage oft: „Wo sind die anderen? Sind alle da? Was machen sie grad?“

Zur Stabilität unseres Rudels trägt bei, dass im Prinzip jeder für sich selbst sorgen kann, aber auch jeder für die anderen wechselweise mit Verantwortung übernehmen kann. So stelle ich mir eine Kernfamilie (Vater, Mutter) mit 5 kleinen Kindern eher stressig vor – zwei oder gar nur eine Person trägt Verantwortung für einen Haufen „Welpen“- klingt für mich irgendwie nach burn out, und war von der Natur wohl nicht so gedacht?

Andere Familien lösen das Rudelproblem mit Omas, Onkel und Tanten (die bei uns alle zu weit weg wohnen), Alleinerziehende, indem sie sich zu Freundschaftsclustern zusammenschließen (in denen dann im Verhältnis ungefähr so viele Erwachsene (na ja, meist Mütter) wie Kinder sind- aber die „Keimzelle“ Kleinfamilie, die seit der Nachkriegszeit zu einem Mythos hochstilisiert wurde, wird meiner Meinung nach oft viel zu romantisch-idealistisch dargestellt. 

Ich finde viel Wahres an dem (afrikanischen?) Satz „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen“ und finde es durchaus gut und richtig, wenn der Staat jetzt sein Augenmerk auf mehr Kinderkrippen und Frühförderung lenkt – aber das schönste Rudel ist doch ein Privattrudel 😀 (Stichwort: Vertrautheit) – und unseres ist altersmäßig im Genießerstadium angekommen. Daher finde ich auch experimentelle Wohnformen mit mehreren Einfamilienhäusern, die einen gemeinsamen Innenhof haben, in dem sich die Familien und Generationen begegnen können, toll.

Ach ja, und wenn wir schon beim Stichwort experimentell sind: Wir leben, zugegebenermaßen, nicht mainstream (nicht nur in der Menge, sondern auch in der Rollenverteilung) und es ist nicht immer einfach, unser Leben nach außen hin zu erklären oder für andere verstehbar zu machen. Vieles ist einfacher als in einer Kleinfamilie (man findet fast immer jemand zum „schwätzen“ oder zum Mitmachen/Erledigen von wasauchimmer), anderes anstrengender (Wäschesortieren in 6-7 verschiedene Richtungen).

Ich möchte es nicht missen – und könnte mir durchaus vorstellen, in 20 Jahren oder so mal in eine durchgeknallte Alten-WG zu ziehen, natürlich nur, wenn ich in das Familienrudel meiner Kinder nicht mehr passe.

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